Eine Weihnachtsgeschichte von Stefan Reichhardt, eine fast wahre Geschichte ...
Ausgabe: 2016/51
20.12.2016
- Stefan Reichhardt
Fröhlich standen sie vor sich hin und lauschten den Gesprächen der Erwachsenen im Hof. Ich spreche von zwei Ziegen, die nur immer wieder „Fröhliche Weihnacht“ und „Ein frohes Fest“ und so was Ähnliches einige Male hörten. Sie schauten sich mit ihren Glupschaugen an, nickten mit den Hörnern und wedelten mit ihrem kurzen Schwanz.
„Ja, es ist wieder so weit“, grunzte das Schwein an der anderen Ecke des Stalles. "Ich werde geschlachtet, nur dass die alle fröhliche Weihnachten feiern können.“
„Eine schöne Bescherung“, krähte der Hahn, ganz links oben, „auf mich haben sie es auch abgesehen.“
„Man braucht eine Menge Glück und Verstand im Leben“, meinte piepsend die Mäusemutter und huschte in den Holzverschlag, der ein Loch hatte. Während sie so meckerten, fiel einer Ziege ein, sie hätte von ihrer Mutter und diese wieder von ihrer Mutter und so weiter erfahren, dass Weihnachten nur wegen einer Geburt im Stall gefeiert wird. Das Kind lag in einer Futterkrippe und Ochs und Esel standen ganz nah dabei.
Die Eltern waren besondere Leute, umgeben von Engeln und Hirten, die nahe des Stalles auf ihre Schafe aufpassten. Die zweite Ziege fragte gar nicht nach den Namen des Kindes, sondern hinterfragte meckernd, wieso bei so einer wichtigen Geburt nur Ochs und Esel und keine Ziegen dabei sein dürfen.
„Ein Ochs, der für gar nichts taugt, nicht einmal Nachkommen hat er, und ein Esel, der nur große Ohren hat und schließlich in der Salami endet, sind nicht tauglich für so ein Fest. Wir aber, die Ziegen, sind sparsam, schön, geben Milch und bringen Kitzchen zur Welt, das hört sich schon besser an, das sei einmal gesagt, basta!“
Stille war im Stall nach dieser Ansage, das Schwein grunzte verlegen und die Mäusemutter blinzelte aus dem Loch, gleich neben dem Futtertrog.
Da geht die Stalltür auf und meine Mutter betritt den warmen Raum, um die Fütterung vorzunehmen.
„Heute ist Heiliger Abend, meine Lieben, es gibt Extra-Portionen und Milch, und schaut nicht so traurig drein, freut euch mit uns, es ist eine besondere Nacht, eine heilige Nacht.“ „Ja, besondere Nacht“, meckerte eine Ziege, „wir sind ja nicht erwünscht, wenn ein Kind geboren wird, nur Ochs und Esel dürfen dabei sein.“ „Psst – jetzt sage ich euch etwas, dann verfliegt eure Traurigkeit. Ich bekomme auch ein Kind, aber nicht am Heiligen Abend, sondern später, wenn im Garten alles grünt, der Flieder blüht und eure Kitzchen um euch herumspringen. Da dürft ihr dabei sein, weil für Ochs und Esel haben wir keinen Platz.“ Die Ziegen machten vor lauter Freude vom Stand aus einen Hüpfer, das Schwein meinte: „Wenn ich nur das erlebe!“, der Hahn krähte kräftig, und die Mäusemutter tanzte auf einer Holzstange.
Und ich im Bauch meiner Mutter gab einen kräftigen Stoß mit meinen Beinchen, dass sie erschrak. Denn wer erlebt schon solch tierische Weihnachten, nur ich hatte das Glück!