Ausgabe: 2010/13, Sonntag, Evangelium, Lesung, Ernst Ritter, Spaziergang, Rainer Maria Rilke, Wort zum Sonntag, Ostersonntag, Johannes, Apostelgeschichte,
31.03.2010
„Der Jünger, den Jesus liebte“, er ging hinein in das leere Grab und „er sah und er glaubte“. Nichts änderte sich, das Grab blieb leer, und dennoch wurde es zum Ort der Gotteserfahrung. Mut und Unermüdlichkeit braucht es, um in das leere Grab unerfüllter Sehnsucht, in das leere Grab gescheiterter Lebenspläne, in das leere Grab ungelebter Wünsche hineinzugehen und sich vom verborgenen Geheimnis der Gegenwart Gottes ergreifen und verwandeln zu lassen. „Jede Nacht auszuhalten bis zu ihrer Mitte“ schreibt Alfred Delp SJ, denn „sie enthüllt sich als Ort, wo Gott uns erwartet“.
Evangelium
Joh 20, 1–9
Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war. Da lief sie schnell zu Simon Petrus und dem Jünger, den Jesus liebte, und sagte zu ihnen: Man hat den Herrn aus dem Grab weggenommen und wir wissen nicht, wohin man ihn gelegt hat. Da gingen Petrus und der andere Jünger hinaus und kamen zum Grab; sie liefen beide zusammen dorthin, aber weil der andere Jünger schneller war als Petrus, kam er als Erster ans Grab. Er beugte sich vor und sah die Leinenbinden liegen, ging aber nicht hinein. Da kam auch Simon Petrus, der ihm gefolgt war, und ging in das Grab hinein. Er sah die Leinenbinden liegen und das Schweißtuch, das auf dem Kopf Jesu gelegen hatte; es lag aber nicht bei den Leinenbinden, sondern zusammengebunden daneben an einer besonderen Stelle. Da ging auch der andere Jünger, der zuerst an das Grab gekommen war, hinein; er sah und glaubte. Denn sie wussten noch nicht, dass er von den Toten auferstehen musste.
1. Lesung
Apg 10, 43a. 37–43
Da begann Petrus zu reden und sagte: [. . .] Ihr wisst, was im ganzen Land der Juden geschehen ist, angefangen in Galiläa, nach der Taufe, die Johannes verkündet hat: wie Gott Jesus von Nazareth gesalbt hat mit dem Heiligen Geist und mit Kraft, wie dieser umherzog, Gutes tat und alle heilte, die in der Gewalt des Teufels waren; denn Gott war mit ihm. Und wir sind Zeugen für alles, was er im Land der Juden und in Jerusalem getan hat. Ihn haben sie an den Pfahl gehängt und getötet. Gott aber hat ihn am dritten Tag auferweckt und hat ihn erscheinen lassen, zwar nicht dem ganzen Volk, wohl aber den von Gott vorherbestimmten Zeugen: uns, die wir mit ihm nach seiner Auferstehung von den Toten gegessen und getrunken haben. Und er hat uns geboten, dem Volk zu verkündigen und zu bezeugen: Das ist der von Gott eingesetzte Richter der Lebenden und der Toten. Von ihm bezeugen alle Propheten, dass jeder, der an ihn glaubt, durch seinen Namen die Vergebung der Sünden empfängt.
2. Lesung
Kol 3, 1–4
Ihr seid mit Christus auferweckt; darum strebt nach dem, was im Himmel ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt. Richtet euren Sinn auf das Himmlische und nicht auf das Irdische! Denn ihr seid gestorben, und euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott. Wenn Christus, unser Leben, offenbar wird, dann werdet auch ihr mit ihm offenbar werden in Herrlichkeit.
Spaziergang
Schon ist mein Blick am Hügel, dem besonnten, dem Wege, den ich kaum begann, voran. So fasst uns das, was wir nicht fassen konnten, voller Erscheinung, aus der Ferne an –
Und wandelt uns, auch wenn wir’s nicht erreichen, in jenes, das wir, kaum es ahnend, sind; ein Zeichen weht, erwidernd unserm Zeichen . . . Wir aber spüren nur den Gegenwind.
Rainer Maria Rilke, Gedichte, 1906 – 1926
Wort zum Sonntag
Hineingehen
„Da ging auch der andere Jünger, der zuerst an das Grab gekommen war, hinein; er sah und glaubte. Denn sie wussten noch nicht aus der Schrift, dass er von den Toten auferstehen musste.“ (Joh 20, 8f.) Das leere Grab wird für den Jünger, den Jesus liebte, zum Ort der Gotteserfahrung. Die äußere Situation bleibt unverändert, das Grab bleibt leer. Aber mit dem Jünger, der in das leere Grab hineingeht, geschieht etwas; das Wunder der Auferstehung geschieht in ihm und verwandelt ihn in einen Sehenden und Glaubenden.
Wie durch unsichtbare Bande wird der Jünger in die seltsame Begegnung mit der unfassbaren Gegenwart des Ewigen hineingezogen. Mitten im leeren Grab wird er von diesem für ihn unverfügbaren Gottesgeheimnis ergriffen. Der Jünger ging in das leere Grab hinein; „er sah und er glaubte“, kommentiert das Evangelium nach Johannes die Situation trocken.
Die Heilsbotschaft des Ostersonntags birgt die Herausforderung, dass wir in das leere Grab der unerfüllten Sehnsucht, in das leere Grab der gescheiterten Lebenspläne, in das leere Grab der ungelebten Wünsche hineingehen und uns darin vom verborgenen Geheimnis der Gegenwart Gottes, das uns tief drinnen und drunten im Menschsein, tief unterm Sehn und Verstehn, entgegenwartet, ergreifen und verwandeln lassen. Aber dazu bedarf es des Mutes und der Unermüdlichkeit.
Der Jesuitenpater Alfred Delp, dessen noch junger Lebensfaden kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges – im Jahre 1945 – von den Machthabern seiner Zeit gewaltsam abgeschnitten worden ist, schreibt im Angesicht seines Todes: „Gottes ist der Tag und die Nacht, die Fessel und die Freiheit, der Kerker und die weite Welt. In all dem soll der große Sinn der Gottesbegegnung sich erfüllen. Nur muss man allem den letzten Sinn abverlangen, jeder Frage sich stellen bis zuletzt. Sie enthüllt sich als Frage nach Gott und als Frage Gottes zugleich. Jede Antwort aussagen bis zuletzt. Sie enthüllt sich als Botschaft und als Verkündigung Gottes. Jede Nacht aushalten bis zu ihrer Mitte. Sie enthüllt sich als Ort, wo Gott uns erwartet.“ (Alfred Delp, 1944)
Ernst Ritter, PfarrModerator für Klösterle, Langen und Stuben am Arlberg.