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Ein Leben wie im Gefängnis

Christen im Irak haben wenig Überlebenschancen in ihrer Heimat
Ausgabe: 2010/14, Christen, Irak, Überlebenschancen, Heimat, Gefängnis, Hatune Dogan, Extremisten, Ordensfrau, Flüchtlinge, Wahlen, Irak, Ijad Allawi, Nuri al-Maliki, Koalitionsverhandlungen, Avak Asadourian, Leseprobe, Frieden, Frieden sichern, Schutz gewähren, V
07.04.2010
- Susanne Huber
Es ist schwer zu fassen, wie grausam islamische Extremisten gegen Christen im Irak vorgehen. Schwester Hatune Dogan hat „hunderte Geschichten im Herzen“, die sie tief erschüttert haben. Die Ordensfrau hilft den Flüchtlingen, zu überleben.

Manchmal könne sie nicht schlafen, da holen sie all die grauenhaften Bilder von verstümmelten, missbrauchten, gequälten und traumatisierten irakischen Flüchtlingen ein. „Ich habe so viele schreckliche Dinge gehört und gesehen, unzählige weinende Menschen erlebt. Es laufen grausame Geschichten, die oft schwer zu ertragen sind. Aber ich danke Gott, dass er mir die Kraft gibt, für die Flüchtlinge aus dem Irak da zu sein. Er stärkt mich für diesen meinen Weg“, sagt Schwester Hatune.

Angst. Seit sich die deutsche Ordensfrau mit türkischen Wurzeln für christliche irakische Flüchtlinge einsetzt, weiß sie, dass die Atta-cken auf Christen keine Einzelfälle sind. Sie werden verfolgt, mit dem Tod bedroht, wenn sie nicht zum Islam übertreten; christliche Kirchen und Häuser werden zerbombt, ihre Geschäfte geplündert, Priester und Nonnen ermordet, Kinder entführt und misshandelt, Christen öffentlich hingerichtet. „Diese Leute haben aus Angst ihr Hab und Gut verkauft, alles aufgegeben, um den Irak zu verlassen und über die Grenze zu kommen“, so die Schwester.

Unerfüllte Hoffnungen. Doch die Hoffnung auf ein besseres Leben hat sich für die irakischen Christen in den Ländern des Nahen Ostens nicht erfüllt. Auch hier werden sie bedroht, leben in Elend und Not, haben als Christen keine Rechte, werden als Flüchtlinge nicht anerkannt, erhalten keine Hilfe vom Staat. „Die Menschen dürfen nicht arbeiten und so geht irgendwann das Geld zur Neige. Sie haben nichts mehr zu essen, können die Miete nicht mehr bezahlen, sich keinen Arzt leisten, wenn sie krank sind. Ich war in Istanbul bei einer Familie, Mutter, Großmutter und zwei Töchter. Der Vater wurde im Irak getötet und die Familie ist nach Morddrohungen in die Türkei geflüchtet. Hier leben sie in einem feuchten Kellerloch, wo keine Toilette vorhanden ist. Da war ein Gestank. Die Großmutter lag krank im Bett. Das ist eine Katastrophe“, erzählt Schwester Hatune. Häufig komme es vor, dass christliche Flüchtlinge von Kriminellen ausgenutzt und mit Geldforderungen unter Druck gesetzt werden. „Die Menschen haben Angst, ihre Wohnungen zu verlassen und von der Polizei festgenommen und ausgewiesen zu werden. Die Christen leben dort wie im Gefängnis.“

Schicksale dokumentieren. 2007 hat Schwester Hatune begonnen, sich ein Bild von deren Situation in den Nachbarländern des Irak zu machen; Seither reist sie immer wieder für mehrere Monate in die Türkei, nach Syrien, Jordanien, in den Libanon und auch in den Irak. Dort besucht sie betroffene Familien, die kaum Überlebenschancen haben und hilft mit Spendenmitteln, dass sie zu essen bekommen und ihre Miete bezahlen können. Sie führt mit den Leuten Interviews, zeichnet deren Schicksale auf, hält das Leid der Verfolgten in Bildern und Videos fest. Und sie spendet Trost. „Ich bin ausgebildete Therapeutin und Seelsorgerin und versuche, die Frauen, die missbraucht worden sind und deren Männer getötet wurden, zu trösten. Ich gebe ihnen Zeit, unterhalte mich mit ihnen, hole sie ein bisschen aus ihrer Trauer raus. Diese Menschen benötigen richtige Therapie, die viel Zeit in Anspruch nimmt. Sie stehen unter Schock, sind traumatisiert. Ich habe viele Mädchen getroffen, die oft nicht einmal mehr reden konnten wegen der schrecklichen Vorfälle, die sie erlebt haben.“ Mit ihrer internationalen Stiftung „Schwester Hatune – Helfende Hände für die Armen“, mit der die Ordensfrau u. a. auch in Europa, Asien und den USA tätig ist, betreut sie in Jordanien, Syrien, Ägypten, der Türkei und im Libanon insgesamt 2800 Flüchtlingsfamilien. „Ich arbeite dort mit Teams und Gruppen von Helfern vor Ort zusammen, um die Ärmsten der Armen zu unterstützen. Wenn die Leute keine Hilfe und Unterstützung bekommen, versuchen sie auf anderen Wegen, an Geld zu gelangen. Das wollen wir vermeiden.“

Vertrauen schaffen. Der Zugang zu den Frauen fällt Schwester Hatune leicht. Wahrscheinlich deshalb, weil sie selbst einmal Flüchtling war. „Mit 14 Jahren musste ich mit meiner Familie aus der Türkei nach Deutschland flüchten. Ich weiß um das Drama, das die Menschen durchmachen. Enorm wichtig für meine Arbeit ist natürlich, dass ich die orientalischen Sprachen der Menschen verstehe. Durch das Gespräch entsteht eine Atmosphäre, die Vertrauen schafft, und so sind die jungen Frauen ein wenig erleichtert, weil sie zum ersten Mal über ihre tragischen Erfahrungen sprechen können, von denen oft nicht einmal ihre Eltern wissen. Die Mädchen zeigen mir auch ihre Wunden, häufig an den intimsten Stellen. Da habe ich mich manchmal geschämt, weil ich ja selber im Orient aufgewachsen bin. Aber diese Mädchen sagen, ein Zeuge zwischen ihnen und Gott muss sein.“

Schutz gewähren. Unter Diktator Saddam Hussein konnten die Christen ein relativ normales Leben führen. Doch seit seinem Sturz und dem Einmarsch der US-Truppen in den Irak im Jahr 2003 hat sich ihre Situation drastisch geändert. Es wurde ihnen u. a. unterstellt, die Amerikaner zu unterstützen. So zweifelten Extremisten ihre Unbescholtenheit als Bürger des Irak an. Laut Schätzungen sind von den 1,2 Millionen Christen, die zu Beginn des Krieges im Irak lebten, mehr als die Hälfte aus ihrer Heimat geflüchtet. Viele hoffen, in westliche Länder zu gelangen, wo sie nicht von fanatischen Islamisten verfolgt werden. „Im Irak und den umliegenden Ländern sind die Christen nicht sicher. Amerika und Europa muss diesen Menschen helfen und ihnen Schutz gewähren“, fordert Schwester Hatune. 2008 hatten sich die EU-Innenminister darauf geeinigt, bis zu 10.000 Irakflüchtlinge aufzunehmen. 2009 haben laut EU-Kommission allerdings nur 4240 irakische Flüchtlinge Aufnahme gefunden, u. a. in Deutschland und Großbritannien. Österreich hat bis heute keine Flüchtlinge aus dem Irak aufgenommen.

Frieden sichern. Das Beste für die Bevölkerung des Irak wäre, Frieden im Land zu schaffen, alles zu unternehmen, den Menschen Schutz und Zukunftschancen zu bieten. So könnten die Flüchtlinge wieder in ihre Heimat zurückkehren. Doch die Sicherheit im Land sei für Christen nach wie vor nicht gegeben, weiß Schwester Hatune. „Im Irak, aber auch in anderen Ländern des Nahen Ostens werden Menschenrechte und die Religionsfreiheit missachtet. Es gibt Gesetze, die von Extremisten ausgenutzt werden, um Andersgläubige zu diskriminieren, zu vertreiben, zu töten. Diese Gesetze müssen geändert, die Unruhestifter ins Gefängnis gesteckt werden. Im Irak dürfen Moslems nicht einmal Freundschaft mit den Minderheiten schließen. Und wenn sie keine Freundschaft schließen können, wie kann dann Frieden geschehen? Das ist nicht möglich.“ (Siehe Kopf der Woche)

- Spendenkonto Schwester Hatune Stiftung „Helfende Hände für die Armen“: Sparkasse Paderborn, Kontonr.: 11008232, BLZ: 47250101



Im Blick


Wahlen im Irak

Bei den Parlamentswahlen im Irak am 7. März gab es keinen eindeutigen Sieger. Der frühere Regierungschef Ijad Allawi (sunnitisch-schiitisches Wahlbündnis Irakija) liegt knapp vor seinem Mitstreiter, den bisherigen Amtsinhaber Nuri al-Maliki (Rechtsstaats-Koalition). Letzterer fordert eine Neuauszählung der Stimmen. Experten befürchten, die Koalitionsverhandlungen könnten sich monatelang hinziehen. Wie der armenisch-orthodoxe Erzbischof Avak Asadourian berichtet, sehe die christliche Minderheit im Irak das Tauziehen um den Wahlausgang mit Sorge. Sie wünsche sich eine stabile und starke Regierung. Trotz Terroranschlägen war die Wahlbeteiligung, auch unter Christen, hoch. Seit der Wahl gebe es fünf Christen im Parlament, berichtet Asadourian. Im Vergleich zu vorherigen Legislaturperiode sei das ein Fortschritt.



Zur Sache


Leseprobe

Christen erzählen Sr. Hatune Dogan von ihrem Leid im Irak: „Helena und ihr Mann lebten ein glückliches Leben in Bagdad. Sie hatten zwei Töchter, zwei und vier Jahre alt, und das dritte Kind war unterwegs: Helena war im siebten Monat schwanger. Eines Tages bekam die junge Familie Morddrohungen. Um 17 Uhr kam die SMS mit dem Ultimatum: ,Entweder ihr haut ab, oder wir bringen euch um!‘ Helena und ihr Mann haben diese Nachricht nicht ernst genommen, sondern einfach gelöscht. (...)

Am nächsten Tag hielten zwei Autos vor der Tür. Kurz darauf stürmten neun Personen, mit Kalaschnikows bewaffnet, das Haus. Sie zerrten den Mann an eine Wand, hielten ihm die Waffe an die Schläfe und ließen ihn zusehen, wie seine Frau von sieben Männern vergewaltigt wurde. Als die Kerle damit fertig waren, töteten sie den Mann vor Helenas Augen, sie schlachteten ihn ab wie ein Schaf. Die Kinder, die die ganze Zeit über im Raum gewesen waren, standen im Blut ihres Vaters. Schließlich legten die Männer Helena auf den Bauch und sprangen auf ihren Rücken. Sie wollten auf diese Weise das Ungeborene töten. (...) Als die Männer das Haus verlassen hatten, kamen die Nachbarn. Sie dachten erst, beide Eltern seien tot. (...) Doch dann bemerkten sie, dass Helena noch atmete.“

- Aus: „Es geht ums Überleben“ von Hatune Dogan. Verlag Herder, 2010. Euro 17,50.
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