Aus der Praxis: Als einziger Sohn hatMarkus das Haus seiner Eltern überschrieben bekommen. Mit viel Geschick und Geschmack hat er den ersten Stock für sich umgebaut und eingerichtet. Seine Schwester bekam ein Grundstück als Abfindung. Nach dem Tod seines Vaters vor zehnJahren bewohnt nun seine Mutter dasErdgeschoß alleine. Sie gab Markus in ihrer Trauerzeit zu verstehen, dass sie es gerne sehen würde, wenn sie weiterhin „eineFamilie“ blieben. Vor fünf Jahren lernte Markus seine Lebensgefährtin Roswitha kennen. Weil es sehr praktisch und preiswert war – eine eigene Wohnung würde doch viel kosten, und es steckt von Markus viel Geld und Arbeit in der Wohnung –, zog Roswitha zu ihm in das Haus. „Aber irgendwie funktioniert das nicht,“erzählt Markus. „Roswitha ist meistenswütend auf mich und ich weiß nicht,warum. Vielleicht liebt sie mich doch nicht wirklich. Meine Mutter leidet still unter der gespannten Atmosphäre. Sie meint es ja nur gut, wenn sie Roswitha Ratschläge gibt, wie sie den Garten bestellen und pflegen soll. Sie tut Roswitha ja nichts zuleide. Neulich beschimpfte mich Roswitha sogar als Muttersöhnchen, das nicht weiß, was es will. Soll ich mich von ihr trennen?“
Frauen spüren genau, ob ihr Mann vonseiner Mutter abgelöst ist oder nicht. Wenn dies noch aussteht, rebellieren sie oderziehen sich innerlich zurück.
Zugegeben: Roswitha ist nicht zimperlich in ihrer Ausdrucksweise, wenn sie Markus als Muttersöhnchen bezeichnet, sie trifft aber den Nagel auf den Kopf. Sie hat das untrügliche Gefühl, dass Markus „zwischen“ ihr und seiner Mutter steht und nicht „neben“ ihr, auf ihrer Seite. Er zeigt und sagt ihr nicht, dass sie die wichtigste Frau in seinem Leben ist.
Zerreißprobe. Markus spürt den Wunsch seiner Mutter, für immer „eine Familie“ zu bleiben. Dieses Versprechen, das er – vielleicht nicht einmal ausgesprochen – seiner Mutter nach dem Tod des Vaters gegeben hat, bindet und lähmt ihn, eine Entscheidung für seine Partnerin zu treffen. Die Forderung von Roswitha, sich eindeutig auf ihre Seite zu stellen, erlebt er fast als „Zumutung“. Nun zerrt auch sie an ihm, und das zerreißt ihn fast. Um dieser Spannung zu entgehen, überlegt er, sich von Roswitha zu trennen, da sie von ihm so etwas anscheinend Ungeheuerliches verlangt.
Die wichtigste Frau. Ja, es ist eine Zu-Mutung, die Markus bestehen muss. Er braucht sicher viel Mut und Entschlossenheit, sich innerlich von der „ersten Frau“ in seinem Leben, seiner Mutter, abzulösen. In seiner Herkunftsfamilie ist er zwar verwurzelt, sie ist aber nicht seine Zukunft. Natürlich fürchtet er, seine Mutter damit zu verletzen. Macht er diesen Schritt aber nicht, wird er wahrscheinlich Roswitha verlieren. Nicht umsonst steht in der Bibel der Satz: „Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden, und die zwei werden ein Fleisch sein“ (Mt 19,5). Das bedeutet nicht unbedingt, das liebevoll umgebaute Haus verlassen zu müssen. Seine Partnerin muss aber eindeutig spüren und auch in Gegenwart seiner Mutter zu hören bekommen, dass sie die wichtigste Frau in seinem Leben ist.
Ziehen lassen. Seiner Mutter wünsche ich, dass sie sich zurücknehmen kann und ihre Erfahrungen (z.B. Gartengestaltung) nicht ungefragt anbietet. Wenn sie aus ganzem Herzen zustimmt, Markus zu einer anderen Frau „ziehen zu lassen“, und er diese von ganzem Herzen lieben darf, gewinnt sie als Mutter womöglich die Wertschätzung, vielleicht sogar die Zuwendung von Roswitha.