Für Sie gelesen: spannende Neuerscheinungen – Literatur-Reihe von Maria Fellinger-Hauer
Ausgabe: 2010/14, unzählige Niederlagen, Dimitré Dinev, Martin Walser, Maria Fellinger-Hauer, Literatur, Neuerscheinungen, Barmherzigkeit, Altwerden
07.04.2010
- Maria Fellinger-Hauer
In der Reihe „Literatur in der KirchenZeitung“ präsentiert Maria Fellinger-Hauer zwei Neuerscheinungen: „Barmherzigkeit“ von Dimitré Dinev und „Mein Jenseits“ von Martin Walser.
- Barmherzigkeit ist ein zentraler Begriff der jüdisch-christlichen Tradition. Als Barmherzigkeit beschreibt die Bibel das Wesen Gottes. Aus dem täglichen Sprachgebrauch ist Barmherzigkeit so gut wie verschwunden. Barmherzigkeit ist ein altmodisches Wort. Auf den ersten Blick altmodisch kommt auch dieses Buch aus dem Residenz Verlag daher: ein grau/weißes Cover, ohne Bild, ohne optischen Blickfang. Nur der Titel „Barmherzigkeit“ mit einem roten Sternchen versehen, das auf den Untertitel „Unruhe bewahren“ verweist, und drüber in roter Schrift der Name des Autors: Dimitré Dinev. Darunter in weißer Schrift auf hellgrauem Grund – erst auf den zweiten Blick lesbar – eine Art Definition des Begriffs, wie Dinev ihn versteht: „Die Barmherzigkeit lässt sich nicht leicht instrumentalisieren, denn ihre Zeit ist die Gegenwart und ihr Ort das Gewissen. Um es radikaler auszudrücken: Sie ist die oppositionelle Kraft schlechthin.“ Dinev, seit seinem Roman „Engelszungen“ (2003) ein renommierter Autor, kam vor 14 Jahren als Flüchtling von Bulgarien nach Österreich und schreibt in deutscher Sprache. Es sind unter anderem auch seine diesbezüglichen Erfahrungen, von denen er hier erzählt. Und das Charakteristische daran ist, dass er erzählt, nicht doziert, nicht theoretisiert, sondern von der Barmherzigkeit erzählt. Die Erzählungen berühren den Leser, die Leserin und erinnern an eine menschliche Möglichkeit, an eine individuelle Tugend, um die doch sehr schade wäre, würde sie ganz aus unserem Leben verschwinden. Es liegt nahe, dass einem beim Lesen dieses wichtigen – und alles andere als altmodischen kleinen Buches ein Satz des Schweizer Pfarrers Kurt Marti einfällt: „Vielleicht hält sich Gott einige Dichter (ich sage mit Bedacht: Dichter!), damit das Reden von ihm jene heilige Unberechenbarkeit bewahre, die den Priestern und Theologen abhanden gekommen ist.“
Dimitré Dinev, Barmherzigkeit. Unruhe bewahren, Residenz Verlag, St. Pölten – Salzburg 2010, Euro 14,90.
- Martin Walsers Novelle beginnt mit einer Reflexion über das Altwerden. Sein Ich-Erzähler, Prof. Dr. Augustin Feinlein, ist ein alter Mann. Er leitet – zum Leidwesen seines Oberarztes und Möchtegern- Nachfolgers Dr. Bruderhofer immer noch – die psychiatrische Klinik in Scherblingen und laboriert an seiner unerfüllten Liebe zu Eva Maria, der Gattin des Oberarztes. Nebenbei beschäftigt er sich mit Reliquien und plant ein künftiges Dasein als Mesner. Das ist der Rahmen, in dem Feinlein seine Theorie der Notwendigkeit des Glaubens entwickelt. Der Mensch müsse einfach glauben, ob an Reliquien, an Gott oder an die Liebe, das sei nicht entscheidend. „Glauben heißt, Berge besteigen, die es nicht gibt“, weiß Feinlein bereits von seinem Vorfahr, einem Benediktinerabt aus dem 16. Jahrhundert. Der Mensch müsse sich über seine unzähligen Niederlagen „hinweghoffen“, weiß Feinlein. „Glauben lernt man nur, wenn einem nichts anderes übrig bleibt.“ Feinlein hat keine andere Wahl. Und er will sich nur selbst überzeugen. „Wenn mir das gelingt, wenn mir das gelänge, wäre ich der glücklichste Mensch auf der Welt.“ Ein philosophisches Buch zum mehrmals Lesen und zugleich ein sehr humorvolles.
- Martin Walser, Mein Jenseits. Novelle, University Press, Berlin 2010, Euro 20,50.