Die siebte Ausgabe des Linzer Filmfestivals „Crossing Europe” (20. April – 25. April)
Ausgabe: 2010/15, Qualität, Geld, Filmfestival, Crossing Europe, Stangl, Tod
14.04.2010
- Markus Vorauer
Es genügt schon ein oberflächlicher Blick in den Festivalkatalog von „Crossing Europe“, um behaupten zu können, dass es Christine Dollhofer und ihrem Team gelungen ist, eine der besten Ausgaben des mittlerweile etablierten Festivals des europäischen Films präsentieren zu können. Trotz drastischer Budgetkürzungen gibt es zahlreiche Österreichpremieren und auch dem lokalen Filmschaffen wird ein breiter Raum gewährt.
Eröffnet wird am 20. April mit vier Filmen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Ein Höhepunkt ist sicher das Psychodrama „How I ended this summer“ von Alexei Popogrebsky, in dem zwei Meteorologen in einem völlig abgelegenen Ort der Arktis aufeinanderprallen. Die karge Landschaft hinterlässt ihre Spuren in der Psyche der beiden unterschiedlichen Charaktere. Für Anhänger des Genrekinos bietet die Programmschiene „Nachtsicht“ mit Vengeance ein perfekt inszeniertes Actiondrama. Eine Weltpremiere hat der Film „Es muss was geben“ der Oberösterreicher Oliver Stangl und Christian Tod, die nach dem gleichnamigen Buch von Andreas Kump die Linzer Musikszene von den 70er-Jahren bis in die Gegenwart porträtieren. Dabei wird auch Linzer Sozialgeschichte aufgearbeitet.
Von besonderem Interesse ist der vierte Eröffnungsfilm, die bosnisch-österreichische Co-Produktion „Na putu/On the path“ von Jasmila Zbanic. Ein mutiger Film, der die Orientierungslosigkeit in einer Nachkriegsgesellschaft zeigt. Die junge Flugbegleiterin Luna und Amar, ein Lotse am Flughafen von Sarajewo, sind ein scheinbar glückliches Paar, bis Amar wegen Alkoholproblemen seinen Job verliert und die Beziehung in eine Krise gerät, die sich verschärft, weil Amar sich von einer streng moslemisch-wahabitischen Gemeinde angezogen fühlt, die auch extremistischem Gedankengut zugeneigt ist.
Überhaupt kommen die besten Filme in diesem Jahr aus dem postjugoslawischen Raum, in dem die Folgen des Krieges erst jetzt so richtig spürbar werden. „Crnci/The Blacks“ von Zvonimir Juric und Goran Devic ist der herausragende Film im heurigen Festivalprogramm. Eine kroatische Spezialeinheit soll die Körper toter Kameraden, die in einen serbischen Hinterhalt geraten sind, aus einem verminten Gebiet holen. Der Film zeigt in einer langen Rückblende die Vorbereitungen zu dem Manöver. Schonungslos manifestiert sich der labile psychische Zustand der Männer, die sich für ihre Tätigkeit selbst hassen. In „Ordinary People“ des Serben Vladimir Perisic ist es der 20-jährige Dzoni, der zu einer Einheit abgestellt wird, die an einem unbekannten Ort Gefangene hinrichten muss. Irgendwann wird das Töten ein maschineller Akt und man fragt sich, ob nicht die Henker selbst schon lebende Tote sind.
Zuletzt sei noch auf den neuen Film von Bruno Dumont hingewiesen, der religiösen Fanatismus auf beeindruckend unaufgeregte Weise thematisiert. „Hadewijch“ handelt von der 20-jährigen Theologiestudentin Céline, die der titelgebenden flämischen Dichterin und Klosterleiterin so heftig nacheifert, dass man sie aus dem Konvent ausschließt. In ihrem fanatischen religiösen Glauben schließt sie sich einer Gruppe von Islamfanatikern an. Der Film beweist, dass sich religiöse Überzeugungen über Fanatismus schnell gleichschalten lassen.
- Crossing Europe (20. bis 25. April), Programm unter www.crossingEurope.at