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Behutsam berühren

Über Berührungen teilen Pflegepersonen mehr mit, als sie denken
Ausgabe: 2010/15, behutsam berühren, Christine Aigner, Gesundheits- und Krankenpflegeschule, Privatuniversität für Pflegewissenschaften, mütterliche Berührung, Pflegepersonen, Tastsinn, Glückshormone
14.04.2010
- Judith Moser-Hofstadler
Seniorin mit Pflegerin (Model-Released) [ (c) www.BilderBox.com, Erwin Wodicka, Siedlerzeile 3, A-4062 Thening, Tel. + 43 676 5103678.Verwendung nur gegen HONORAR, BELEG, URHEBERVERMERK nach AGBs auf bilderbox.com], 60+, alt, alte, Alte Frau, Alte Fr
Seniorin mit Pflegerin (Model-Released) [ (c) www.BilderBox.com, Erwin Wodicka, Siedlerzeile 3, A-4062 Thening, Tel. + 43 676 5103678.Verwendung nur gegen HONORAR, BELEG, URHEBERVERMERK nach AGBs auf bilderbox.com], 60+, alt, alte, Alte Frau, Alte Fr
© www.BilderBox.com


Pflegebedürftige merken über die täglichen Berührungen, wie die Pflegenden zu ihnen stehen.

Viele, die jemanden pflegen, haben Angst, die betreute Person zu berühren. Das war einer der Hauptgründe für Christine Aigner, zu untersuchen, was Berührungen für Pflegebedürftige bedeuten. Pflegende berühren bei den meisten Pflegehandlungen – bewusst oder unbewusst. Diese Nähe kann auf beiden Seiten als unangenehm empfunden werden. Pflegebedürftige haben einerseits das Bedürfnis nach Intimität, andererseits aber das gleiche Bedürfnis nach Respekt für sich und ihre Privatsphäre. Pflegepersonen müssen das richtige Gleichgewicht dazwischen finden. Christine Aigner ist sich sicher, dass Pflegebedürftige über die Berührung spüren, wie jemand zu ihnen steht und, wie sich die Pflegeperson fühlt.

Mütterliche Berührung. „Wir alle haben ein Berührungsgedächtnis“, erzählt Christine Aigner. Mit jeder Berührung verbinden wir etwas, was wir erlebt haben. Deshalb ist es wichtig, dass in der Pflege von alten Menschen deren Lebensgeschichte beachtet wird. Berührungserlebnisse in der Kindheit werden bei alten Menschen häufig mit der Mutter verknüpft. Auf die Frage: „Wie haben Sie Berührung in der Kindheit erlebt?“ bekam Christine Aigner zum Beispiel die Antwort: „Meine Mutter hab ich viel vermissen müssen.“ Deshalb bevorzugen alte Menschen mütterliche Personen in der Pflege. Für jüngere Pflegebedürftige muss das nicht gelten.

Berechtigte Nähe. Wie soll man sich also jemandem nähern, den man pflegen will? Dafür hat Christine Aigner einen konkreten Hinweis: „Wenn Pflegende sagen: ,Ich tue das gerne, sie brauchen sich nicht zu genieren‘, fällt es Pflegebedürftigen leichter, sich berühren zu lassen. Es ist dann egal, ob diese Berührung von einem Mann oder einer Frau kommt.“ Die Berührung muss auch nachvollziehbar, also berechtigt sein. Von Pflegepersonen im Gesicht gestreichelt zu werden, wollen alle Studienteilnehmer nicht, das ist ihnen zu nahe. Anders ist das, wenn das der eigene Sohn oder die eigene Tochter macht.

Da sein. Insgesamt gilt laut Aigner: „Wenn ich mit einer Berührung jemandem wirklich etwas Gutes tun will, dann tut das auch gut.“ Sie vergleicht das mit einem Gespräch: „Wenn ich mit jemandem spreche, und wenn es nur eine Minute ist, in der ich nicht an andere Dinge denke, dann ist das für mein Gegenüber, als hätte ich zehn Minuten mit ihm geredet. Genauso ist das bei Berührungen.“

- Die Studie hat Christine Aigner bei einem Symposium der Privatuniversität für Pflegewissenschaften vorgestellt. Homepage: www.umit.at



Zur Sache


Die Haut verbindet außen und innen

„Der Tastsinn ist der erste, den wir entwickeln“, erklärt die Pflegewissenschaftlerin ChristineAigner. Schon bei wenigen Wochen alten Embryos können Wissenschafter/innen feststellen, dass sie auf Berührung reagieren.
Berührungen werden von außen wahrgenommen, mit derBerührung nimmt man aber auch den eigenen Körper wahr.

- Den Tastsinn kann niemand ausschalten. „Wir können die Augen zumachen und uns die Ohren zuhalten, aber dem Tastsinn sind wir ausgeliefert“, gibt Aigner zu bedenken.

- Berührung hat wissenschaftlich nachgewiesen positive Effekte auf Menschen: „Glückshormone“ werden ausgeschüttet – Endorphine, Serotonine. Berührt zu werden stärkt das Denken, es schafft Bilder von Vertrauen.

- Wer jemanden pflegt, muss diese Person berühren. Blutdruck messen, Verband wechseln,füttern, waschen – nichts geht ohne Berührung. Deshalb müssen sich alle, die jemanden pflegen, mit diesem Thema auseinandersetzen.

- Wie sich Menschen gegenseitig berühren, ändert sich im Lauf des Lebens, schon zwischenEltern und Kindern, wenn diese größer werden. Während Kinder sich sehr ungehemmt gegenseitig berühren, verkümmern Berührungskontakte bei Erwachsenen mehr und mehr. Das verändert sich nur in extremen Situationen wie Angst oderBedrohung, übermäßiger Freude oder Trauer. Dann werden gesellschaftliche Vorschriften unwichtig und Berührung ist „erlaubt“.

- Jede Kultur hat eigene Regeln für Berührung. Für Menschen, die in Pflegeberufen arbeiten, ist das eine große Herausforderung, wenn sie mit Pflegebedürftigen aus anderen Kulturen arbeiten.
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