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Fünf Jahre auf dem Weg mit Papst Benedikt XVI.

Amtsjubiläum und Geburtstag des Papstes inmitten einer tiefen Vertrauenskrise
Ausgabe: 2010/15, Papst Benedikt, fünf Jahre, Amtsjubiläum, Geburtstag, tiefe Vertrauenskrise, San Giovanni della Croce, Kardinal Joseph Ratzinger, Missbrauchs-Vorfälle
19.04.2010
- Interview: Hans Baumgartner
APAHDS27 - 09092007 - WIEN - OESTERREICH: ZU APA TEXT II - Papst Benedikt XVI. vor dem Stephansdom am Sonntag, 9. September 2007, anl. seines dreitaegigen Besuches in Oesterreich. APA-FOTO: ROBERT JAEGER/POOL
APAHDS27 - 09092007 - WIEN - OESTERREICH: ZU APA TEXT II - Papst Benedikt XVI. vor dem Stephansdom am Sonntag, 9. September 2007, anl. seines dreitaegigen Besuches in Oesterreich. APA-FOTO: ROBERT JAEGER/POOL
© Robert Jaeger


Der Windstoß vor dem Stephansdom (2007) war vergleichsweise harmlos gegen die rauen Winde, die Papst Benedikt zur Zeit ins Gesicht blasen.

Am 19. April 2005 – vor fünf Jahren – wurde Kardinal Joseph Ratzinger zum Papst gewählt. Als Benedikt XVI. steht er seither an der Spitze der römisch-katholischen Kirche. Am 16. April vollendet er sein 83. Lebensjahr.

Ein Kind auf den Armen der Mutter, Auge in Auge mit dem Papst. Diesen Moment hat der Fotograf beim Besuch von Papst Benedikt in einer römischen Pfarre festgehalten. Was kann der Papst und mit ihm die katholische Kirche einem Kind mit auf den Weg geben? Welche Perspektive für das Leben? Wird die Kirche ihrem Auftrag aus dem Evangelium für die Menschen entsprechen können? Die Kirche befindet sich in einer tiefen Vertrauenskrise. Die Missbrauchs-Vorfälle der jüngeren Zeit haben diese verstärkt. Viele erwarten sich, dass Kirchenleitung und Basis wieder besser zusammenfinden. Es darf kein Graben entstehen zwischen Amt und Volk. Die Aufgabe lastet nicht nur auf den Schultern des Papstes. Es ist gemeinsame Aufgabe von mehr als einer Milliarde Katholik/innen.



Ein Papst der vielen Schlagzeilen


Vor fünf Jahren wurde aus Kardinal Joseph Ratzinger Papst Benedikt XVI.


Am 19. April 2005 wurde Kardinal Joseph Ratzinger in einem der kürzesten Konklave zum Papst gewählt. Wir sprachen mit dem langjährigen Radio-Vatikan-Journalisten P. Eberhard von Gemmingen SJ.

Als Kardinal Ratzinger zum Papst gewählt wurde, gab es sehr unterschiedliche Reaktionen. Viele sehen sich in ihren Hoffnungen, er werde als Papst anders handeln als vorher, enttäuscht. Wie sehen Sie das?
Gemmingen: Vieles, was über Papst Benedikt gesagt oder geschrieben wird, scheint mir sehr oberflächlich zu sein. Das war nach seiner Wahl so, als die einen gejubelt haben „Wir sind Papst“ und andere gemeint haben „Um Gottes Willen, Ratzinger!“ – und es ist heute wieder so. Wenn man es nüchtern sieht, so meine ich, dass er zwar, von seinen unterschiedlichen Aufgaben her – früher als Hüter der Glaubenslehre und jetzt als Hirte der Kirche – andere Akzente setzt, im Kern aber ist sich der Mensch und Theologe Ratzinger treu geblieben. Das wird vielleicht manche enttäuschen – aber auch deshalb, weil vieles, was er tut, in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird. Da entsteht ein schiefes Bild.

Wo sind diese Kommunikationsblockaden?
Gemmingen: Ich beobachte, dass seine zentralen Anliegen kaum in der breiten Öffentlichkeit Widerhall finden und diskutiert werden. Dafür werden, wie ich meine, drittrangige Dinge wie die Sache mit den Piusbrüdern, der erweiterte Gebrauch des alten Messritus oder die Judenfürbitte im alten Ritus breitgetreten.

Was sind denn nun die zentralen Anliegen des Papstes, wie Sie sagen?
Gemmingen: Ich meine, was wirklich in ihm brennt, ist die Frage der Gottesverkündigung, wie wir den Menschen in der heutigen Welt, vor allem auch der jungen Generation, Christus als unseren Herrn und Erlöser vermitteln. Dazu gehört auch seine Kritik an der „Diktatur des Relativismus“. Damit meine ich die tiefe Sorge des Papstes, dass in unserer heutigen Gesellschaft alles geduldet und gebilligt wird, wenn nur genügend Leute dafür sind, ob das nun den Bereich des persönlichen Glaubens und der Moral angeht, den Umgang mit der Schöpfung oder das Handeln in der Wirtschaft. Dagegen setzt er die Wahrheit, die Gott selbst ist, und die wir, so weit es uns eben möglich ist, aus seinen Worten und seinem Wirken in der Welt ablesen können. Das ist auch so etwas wie der rote Faden, der sich durch seine drei Enzykliken zieht.

Manche sprechen von einer Beschädigung des Papstes durch sein Vorgehen gegenüber den Piusbrüdern. Wie sehen Sie das?
Gemmingen: Dass der Papst versucht, hier eine Spaltung in der Kirche zu überwinden, das gehört zu seinen Aufgaben. Wie das mit der Rücknahme der Exkommunikation für die vier Bischöfe der Piusbruderschaft gelaufen ist, war unglücklich und unprofessionell. Das aber war vor allem ein Versagen der Kurie, vor allem des Staatssekretariates. Bevor man eine solche Entscheidung trifft, hätte man sich genauer umschauen und umhorchen müssen, ob und wie man so etwas macht. Wenn der Papst gesagt hätte: Ich reiche den Piusbrüdern die Hand, gehe ihnen einen Schritt entgegen; aber die Voraussetzung dafür ist, dass sie die Lehren des II. Vatikanischen Konzils anerkennen und von jedem Antisemitismus und Antijudaismus Abstand nehmen, dann wäre das ohne große Aufregung abgelaufen.

Es gab ja auch noch andere Irritationen. Wie die Aussagen über den Islam in Regensburg, über die Missionierung der Indios oder die schon erwähnte Karfreitagsfürbitte für die Juden im alten Messritus …
Gemmingen: Da gab es sicherlich zum Teil unglückliche, missverständliche Formulierungen, wo man dann auch „nachlegen“ musste, um das Gemeinte zu erklären. Das hatte, bei allen Irritationen, aber auch dazu geführt, dass der Dialog zwischen Vertretern des Islam oder des Judentums mit der Kirche intensiviert wurde. Darüber wird dann in den Medien aber kaum berichtet, vor allem bei uns.

Ist da eine gewisse Frustration des Medienmannes über Medien herauszuhören?
Gemmingen: Nun, ich beobachte halt, dass in unseren Medien vieles, vor allem Negatives, aufgebauscht wird, während der Papst in anderen Regionen der Welt viel positiver gesehen und auch verstanden wird.

Gilt diese Einschätzung auch für die Missbrauchsvorfälle in der Kirche?
Gemmingen: Ich stehe voll dazu, dass die Medien auch über Schlimmes in der Kirche – und das ist der Missbrauch von schutzbefohlenen Kindern ganz sicher – berichten. Aber ich habe auch den Eindruck, dass manche Medien eine besondere Freude haben, der Kirche eins auszuwischen, weil die Kirche und die Priester unter einem besonders hohen Anspruch leben. Und da sucht man nun, um die Sache am Kochen zu halten, die Nadel im Heuhaufen, um auch den Papst persönlich anzupatzen; ihn, der sich seit Jahren für ein striktes Vorgehen der Kirche bei Missbrauchsdelikten einsetzt. Manchmal denke ich, da will man von der gesamtgesellschaftlich dringend notwendigen Debatte des Missbrauchsthemas ablenken. Man hat den „Sündenbock“ ja schon.

Ein anderes Thema: Manche beklagen einen Stillstand in der Ökumene. Zu Recht?
Gemmingen: Zunächst einmal muss man sagen, dass in der Ökumene in den vergangenen 30, 40 Jahren so viel erreicht wurde, wie das kaum jemand nach dem Konzil zu hoffen wagte. Ich glaube, dass wir jetzt in einer Phase sind, wo es nicht mehr nur um Reparaturbemühungen in theologischen Differenzen geht. Wir sehen jetzt deutlicher, dass es mit dem „Machen“ allein nicht geht, da stehen einander doch sehr unterschiedliche Welten des Denkens und der Theologie gegenüber. Um das aufzubrechen bräuchten wir, neben dem Heiligen Geist, mehr visionäre Theologen auf allen Seiten. Aber diese Propheten gibt es heute in der Kirche wie in der Gesellschaft viel zu wenig. Wenn der Papst bestimmte Eckpunkte benennt, wie etwa das unterschiedliche Kirchenverständnis, dann tut er das, weil er die Einheit voranbringen will, indem er die echten Knackpunkte anspricht. Zudem glaube ich, dass der Papst unter Ökumene noch etwas anderes versteht: Nämlich dass die Kirchen gemeinsam die Gottesfrage in der heutigen Welt stellen, denn das ist es, worauf es wirklich ankommt.

Die Klage wird lauter, dass dieser Papst die Kirche eher rückwärts „reformiert“ als in die Zukunft …
Gemmingen: Ich meine, dass der Papst sehr wohl über die pastorale Not und die Sorgen der Pfarrgemeinden Bescheid weiß. Aber was die notwendigen Reformen angeht, so vermute ich, dass Benedikt XVI. denkt, dass Strukturänderungen wie die Abschaffung des Zölibats, die Frauenweihe oder mehr Mitbestimmung nicht wirklich weiterhelfen. Für ihn, so scheint mir, hat erste Priorität, dass wir als Kirche überzeugender den Glauben an Jesus Christus verkündigen und an einer Verlebendigung des christlichen Glaubens arbeiten, in den Gemeinden ebenso wie jede und jeder Einzelne. Denn wir sehen ja in vielen reformierten und evangelischen Kirchen, wo die sogenannten „heißen Eisen“ viel liberaler geregelt sind, dass es denen, was die Glaubens- und Kirchenpraxis angeht, auch nicht besser geht. Auch für diese Kirchen stellt sich die Frage nach einer inneren, geistlichen Erneuerung immer drängender.



StichwortJoseph Ratzinger ist am 16. April 1927 in Marktl am Inn geboren und in Traunstein aufgewachsen. Priesterweihe 1951; 1952 bis 1977 unterrichtet er Theologie (Dogmatik) in Freising, Bonn, Münster, Tübingen und Regensburg. 1977 wird er Erzbischof von München-Freising und Kardinal. Ab 1981 ist er Präfekt der Glaubenskongregation.
Am 19. April 2005 wird er in einem der kürzesten Konklave zum Papst gewählt, nachdem er am Tag zuvor vor den Kardinälen eine beeindruckende Rede über die Herausforderungen der Kirche gehalten hatte.
Er verfasste bisher zwei Enzykliken über zentrale Glaubensbotschaften (Gott ist die Liebe und die Hoffnung der Welt und des Menschen) sowie eine zu sozialen und wirtschaftlichen Fragen. Als Papst unternahm er bislang 13 Auslandsreisen u. a. nach Polen, USA, Brasilien, Afrika, Israel, Deutschland (2) und Österreich.


Zur Sache


Versuch einer Bilanz


Nach einer „Bilanz“ zu fünf Jahren Papst Benedikt befragt, sagte der Innsbrucker Theologe Jozef Niewiadomski:
Beeindruckt haben ihn die beiden Enzykliken „Deus caritas est“ und „Spes salvi“ – „und zwar der Versuch, den Glaubensvollzug auf Liebe und Hoffnung zu fokussieren und damit den katholischen Glauben vom ,Moralingeruch‘ zu befreien. Glaube ist nicht zuerst Moral, sondern der Vollzug von Hoffnung und Liebe“. beeindruckt habe ihn auch der „Versuch, die Wahrheitsproblematik neu zur Diskussion zu stellen“ – und zwar auf dem Hintergrund der sehr starken kulturpolitischen Mode, den Synkretismus als Chance der Gegenwart zu begreifen. Der aus Versatzstücken verschiedener Religionen und Weltanschauungen selbstgebastelten „Religion“ stelle der Papst die Wahrheit des Glaubens an Jesus Christus gegenüber, die auch „unter dem Kreuz trägt“.

Enttäuscht ist Niewiadomski, dass Papst Benedikt als Kenner der römischen Zustände keine Kurienreform gemacht habe. Das Versagen des kurialen Apparates falle ihm jetzt auf den Kopf. Enttäuscht ist der Theologe auch, dass weder die Kurie noch Benedikt das von Papst Johannes Paul II. im Jahr 2000 gesprochen Schuldbekenntnis der Kirche verinnerlicht hätten. Damals sei ein neuer Umgang mit Schuld – auch auf die Kirche als Institution hin – aufgerissen worden. Hätte man das ernsthaft weiterverfolgt, würde man jetzt anders agieren und dastehen. Die vergangenen fünf Jahre, so Niewiadomski, zeigen auch, dass „ein positiver kirchlicher Aufbruch in die jetzige Zeit ausbleibe. Es gibt keine Visionen die voranführen, höchsten ein paar Schritte zurück und Rezepte aus vergangenen Jahrzehnten“, wie der Brief an die Iren zeige.
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