Elf Jahre war Samuel Malwal in Österreich. Zukunftslos. Ohne Aufenthaltsgenehmigung. Ohne Papiere. Ohne Arbeit. Aber mit Freunden. Mit einer Pfarrgemeinde, der VOEST-Pfarre, auf seiner Seite. Im März 2010 hat er die ersehnten Dokumente bekommen: Niederlassungsbewilligung samt Fremdenpass.
Samuel aus dem Sudan sitzt bei mir im Auto; es ist schon Nacht. Ich fahre ihn heim, nachdem er mir seine Geschichte erzählt hat. Es ist eine Geschichte von Zukunftssorgen und Gegenwartsängsten, eine Geschichte von Hoffen, Bangen und Warten. Wir sind kaum zwei Kilometer gefahren, da geraten wir in ein Planquadrat. Ob diese massive Polizeipräsenz bei Samuel wieder Ängste auslöst? Er war immerhin elf Jahre ohne staatliche Anerkennung in Österreich und hatte viel Behördenkontakt. – Der Polizist schaut beim Wagenfenster herein und winkt uns durch. Nein, sagt Samuel, er hat keine Angst gehabt. Er hat ja jetzt den Pass. 1999 floh Samuel Malwal, damals 17 Jahre alt, aus dem Sudan nach Österreich. Missionare hatten ihm die Flucht ermöglicht.
Der Beginn einer Freundschaft. Vater und Mutter waren binnen zehn Jahren bei Übergriffen moslemischer Rebellen ums Leben gekommen. Die Familie Malwal gehörte der christlichen Minderheit des Landes an. Auf der Flucht verlor Samuel auch seine Schwester; sie ist vermisst. Samuel war 19 Jahre jung, als er 2001 in die VOEST-Pfarre kam. Für den Volljährigen war nicht mehr das Jugendamt in Linz zuständig. Was tun mit dem Zukunftslosen? Frau Lanzerstorfer vom Jugendamt des Magistrates Linz fragte in der VOEST-Pfarre an, ob sie Samuel einige Zeit beherbergen könnte. – Der Beginn einer Freundschaft. – „Man muss ihn einfach mögen“, sagt Hans Riedler. Die erste Zeit konnte Samuel in einem Waggon vor dem Gemeindezentrum wohnen. Er half mit, wo er gebraucht wurde, war immer freundlich, hilfs- und lernbereit, liebenswürdig. Die Jahre vergingen, mit ihnen auch unzählige Anstrengungen, für Samuel Malwal eine österreichische Existenzberechtigung zu erreichen. Im Sommer 2009 heiratete Samuel die Nigerianerin Faith kirchlich. Standesamtlich war es nicht möglich, weil er weder einen Staatsbürgerschaftsnachweis noch eine Geburtsurkunde hatte.
Jahrelang warten. Sein Asylantrag und die folgenden Berufungen wurden bald abgelehnt. Nur dann dauerte es. In der ersten Zeit weckte Samuel manchmal seinen Quartiergeber Pfarrer Rup Granegger: „Ich habe Angst!“ Es war ein fataler Kreislauf: Für eine humanitäre Aufenthaltserlaubnis muss man unbescholten sein und ein halbes Jahr Beschäftigung in Österreich nachweisen können. Einem Nicht-Existenten wie Samuel ist aber jede Beschäftigung untersagt. Samuel hatte, als er in die VOEST-Pfarre kam, schon fast ein halbes Jahr Schubhaft hinter sich, konnte aber als Staatenloser, weil sich auch der Sudan nicht für ihn zuständig erklärte, nicht abgeschoben werden.
Das war eine Freude. 2006 konnte Samuel mit seinen Helfern die Aufhebung des Aufenthaltsverbotes erreichen. Es folgte der Antrag auf eine unbegrenzte Niederlassungsbewilligung. Dann hieß es erneut warten, bangen, hoffen. Ende Februar 2010 erhielt er den positiven Bescheid. Sein Fremdenpass wurde am 23. März ausgestellt. Anfang April feierte die VOEST-Pfarre mit Samuel ein Fest. „Der ganze Segen ist jetzt gekommen“, kommentiert dies VOEST-Pfarrer Rupert Granegger: kirchliche Hochzeit, Geburt von Sohn Michael am 7. April, die unbegrenzte Niederlassungsbewilligung und Samuels Eifer beim Hauptschulabschlusskurs.
Viele taten Gutes
Man kann Samuels Geschichte in Österreich als Geschichte von fast unendlicher Ungewissenheit schreiben. Man kann aber auch auf das viele Positive hinweisen, das immer wieder für Gewissheit sorgte: Wir lassen dich nicht im Stich! Da ist die VOEST-Gemeinde zu nennen, die Samuel aufgenommen und sich auf einen gegenseitigen Integrationsprozess eingelassen hat. So drückte es auch Hans Riedler aus: Es war und ist ein gegenseitiges Geben und Nehmen, bei dem alle viel eingebracht und dafür viel bekommen haben. Es ist das Jugendamt Linz zu nennen, das die Weichen Richtung VOEST-Pfarre gestellt hat, weil den Beamten Samuel nicht gleichgültig war. Es ist die Stadt Linz zu nennen, die Samuel einen Aktivpass ausstellte – es war lange Zeit sein einziges gültiges Dokument. – Es ist die Bezirkshauptmannschaft Urfahr zu nennen, die, sobald sie zuständig war, sehr rasch und unkompliziert für Samuel Malwal entschieden hat. Und es sind die Hauptbezugspersonen VOEST-Pfarrer Rupert Granegger sowie die Familie Riedler zu nennen, die unermüdlich Politikern und Behörden die Türen einrannten, um für Samuel einen guten Ausgang zu erwirken.
Die Zukunft Samuels
Samuel hat schon in den Jahren seines ungeklärten Bleiberechts in Österreich freiwillig Schulungen gemacht, unter anderem den Staplerkurs. Nach dem positiven Niederlassungs-Bescheid besucht er nun den Hauptschulabschlusskurs; Prüfung ist im Februar 2011. Dann möchte er am liebsten einen Sozialberuf ergreifen. Er hat ja erlebt, wie wichtig soziale Zuwendung ist.