4. Sonntag der Osterzeit (Lesejahr C), 25. April 2010
Ausgabe: 2010/16, Sonntag, Ernst Ritter, Nelly Sachs, Wort zum Sonntag, hineinhorchen, Hören, Lauschen, Evangelium, Lesung, Etty Hillesum, Apostelgeschichte, Johannes, Offenbarung,
21.04.2010
Mit dem Hören beginnt und endet der Pilgerweg des Lebens; ein Leben lang wird ein Mensch damit nicht fertig. Das innere Lauschen ist ein Lebensnerv, der die Beziehung zu Gott nährt und lebendig hält. „Eigentlich ist mein Leben ein unablässiges Hineinhorchen in mich selbst, in andere und in Gott.“ (Etty Hillesum)
Evangelium
Joh 10, 27–30
Meine Schafe hören auf meine Stimme; ich kenne sie, und sie folgen mir. Ich gebe ihnen ewiges Leben. Sie werden niemals zugrunde gehen, und niemand wird sie meiner Hand entreißen. Mein Vater, der sie mir gab, ist größer als alle, und niemand kann sie der Hand meines Vaters entreißen. Ich und der Vater sind eins.
1. Lesung
Apg 13, 14. 43b–52
Sie selbst (Paulus und Barnabas) wanderten von Perge weiter und kamen nach Antiochia in Pisidien. Dort gingen sie am Sabbat in die Synagoge und setzten sich. [. . .] schlossen sich viele Juden und fromme Proselyten Paulus und Barnabas an. Diese redeten mit ihnen und ermahnten sie, der Gnade Gottes treu zu bleiben. Am folgenden Sabbat versammelte sich fast die ganze Stadt, um das Wort des Herrn zu hören. Als die Juden die Scharen sahen, wurden sie eifersüchtig, widersprachen den Worten des Paulus und stießen Lästerungen aus. Paulus und Barnabas aber erklärten freimütig: Euch musste das Wort Gottes zuerst verkündet werden. Da ihr es aber zurückstoßt und euch des ewigen Lebens unwürdig zeigt, wenden wir uns jetzt an die Heiden. Denn so hat uns der Herr aufgetragen: Ich habe dich zum Licht für die Völker gemacht, bis an das Ende der Erde sollst du das Heil sein. Als die Heiden das hörten, freuten sie sich und priesen das Wort des Herrn; und alle wurden gläubig, die für das ewige Leben bestimmt waren. Das Wort des Herrn aber verbreitete sich in der ganzen Gegend. Die Juden jedoch hetzten die vornehmen gottesfürchtigen Frauen und die Ersten der Stadt auf, veranlassten eine Verfolgung gegen Paulus und Barnabas und vertrieben sie aus ihrem Gebiet. Diese aber schüttelten gegen sie den Staub von ihren Füßen und zogen nach Ikonien. Und die Jünger waren voll Freude und erfüllt vom Heiligen Geist.
2. Lesung
Offb 7, 9. 14b–17
Danach sah ich: eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen; niemand konnte sie zählen. Sie standen in weißen Gewändern vor dem Thron und vor dem Lamm und trugen Palmzweige in den Händen. [. . .] Und er (einer der Ältesten) sagte zu mir: Es sind die, die aus der großen Bedrängnis kommen, sie haben ihre Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht. Deshalb stehen sie vor dem Thron Gottes und dienen ihm bei Tag und Nacht in seinem Tempel; und der, der auf dem Thron sitzt, wird sein Zelt über ihnen aufschlagen. Sie werden keinen Hunger und keinen Durst mehr leiden, und weder Sonnenglut noch irgendeine sengende Hitze wird auf ihnen lasten. Denn das Lamm in der Mitte vor dem Thron wird sie weiden und zu den Quellen führen, aus denen das Wasser des Lebens strömt, und Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen.
Lange haben wir das Lauschen verlernt! Hatte Gott uns gepflanzt einst zu lauschen Wie Dünengras gepflanzt, am ewigen Meer, Wollten wir wachsen auf feisten Triften, Wie Salat im Hausgarten stehn.
Verkaufen dürfen wir nicht unser Ohr, O, nicht unser Ohr dürfen wir verkaufen. Auch auf dem Markte, Im Errechnen des Staubes, Tat manch einer schnell einen Sprung Auf der Sehnsucht Seil, Weil er etwas hörte . . .
Nelly Sachs (1891–1970)
Wort zum Sonntag
Hineinhorchen
Einer, der sich für die Seinen mit seinem ganzen Leben radikal einsetzt – so wird Jesus im Bild des „Guten Hirten“ im so genannten Hirtengleichnis des Johannesevangeliums dargestellt. Dieser Ganzeinsatz Jesu ist auf eine persönliche und vertraute Beziehung zu jenen ausgerichtet, die zu ihm gehören. So kann Jesus sagen: „Meine Schafe hören auf meine Stimme; ich kenne sie und sie folgen mir. Ich gebe ihnen ewiges Leben.“ (10, 27f) Das Hören auf die Stimme des Lebens wird als Wesensmerkmal der Zugehörigkeit zu Jesus beschrieben. Jene gehören zu ihm, die auf seine Stimme hören, diesen gilt seine Zusage ewigen Lebens. Diese Verknüpfung von Hören und Leben klingt schon im Alten Testament an: „Hört, und ihr werdet leben . . .“ (Deuteronomium 4, 1)
Am Anfang steht das Hören. Der Pilgerweg zur Quelle des Lebens in mir, dort, wo ich von Gott erwartet bin, beginnt und endet mit dem Hören. Immer noch ist das Hören der Anfang, mit dem ein Mensch ein Leben lang nicht fertig ist. Im Lauschen auf den Atem des Ewigen erwacht ein Mensch zum Leben. Im aufmerksamen Hinhorchen auf die leisen, das Leben tragenden Kräfte, erwächst der Mut zum Dasein. Ein hellhöriges Herz ist eines, das mit dem Urquell in der tiefsten Tiefe des Seins, den wir Gott nennen, in Beziehung ist. Das innere Lauschen ist ein Lebensnerv, der die Beziehung zu Gott nährt und lebendig hält. Die jüdische Gottsucherin Etty Hillesum, deren Leben im Jahre 1943 in einem Konzentrationslager gewaltsam zu Ende gebracht wurde, schreibt in einem ihrer Tagebücher: „Eigentlich ist mein Leben ein unablässiges Hineinhorchen in mich selbst, in andere und in Gott. Und wenn ich sage, dass ich hineinhorche, dann ist es eigentlich Gott, der in mich hineinhorcht. Das Wesentlichste und Tiefste in mir, das auf das Wesentlichste und Tiefste in dem anderen horcht. Gott zu Gott.“ (aus: Das denkende Herz. Tagebücher 1941–1943)
Zum Weiterdenken
„Lange haben wir das Lauschen verlernt! Hatte Gott uns gepflanzt einst zu lauschen Wie Dünengras gepflanzt am ewigen Meer . . .“
Ernst Ritter, PfarrModerator für Klösterle, Langen und Stuben am Arlberg.