Ausgabe: 2010/17, Trauerflor, Polen, Flugzeugunglück, große Emotionen, Gabriele Neuwirth, Warschauer Präsidentenpalast, Priester, Politiker, Krakau, Kardinal Christoph Schönborn, Versöhnung, Krakau, Glaube, Freiheit, Würde, polnische Geschichte, polnische Kultur,
28.04.2010
- Gabriele Neuwirth
Polen in diesen Tagen: Die großen Emotionen klingen ab, die Plakate mit den Bildern der 96 Opfer des Flugzeugunglücks von Smolensk verschwinden von den Straßen und Plätzen der Städte . In ihrer Trauer war die Bevölkerung einig. Aber um die gesellschaftliche Kluft zwischen „traditionell“ und „weltoffen“ zu überwinden, braucht es große Anstrengungen.
Selbst die Kellnerinnen im Café auf dem Krakauer Burgberg Wawel trugen auf ihren weißen Blusen den schwarzen Trauerflor über der Masche in den polnischen Landesfarben Weiß-Rot. Vielfältig, überall sichtbar und glaubwürdig waren die Zeugnisse der Trauer über den Tod der 96 polnischen Persönlichkeiten, die am 10. April im russischen Smolensk bei einem Flugzeugunglück ums Leben gekommen waren. Unter den Toten Staatspräsident Lech Kaczynski und seine Frau Maria.
Kirche und Nation. „Heute auf Plätzen und in Kirchen weinen und wehklagen, morgen das ganz normale Leben leben, das nicht immer christlichen Standards entspricht“, stellte Bernhard Sawicki, Abt der nahe Krakau gelegenen Abtei Tyniec, in einer kühlen Sicht auf die nationalen Trauertage fest. In Polen sei die Verbindung von Katholizismus und Nationalismus nach wie vor relevant, meinte der Benediktinerabt im Gespräch mit unserer Zeitung: „Das ist eine Last, ein Ballast für die Kirche.“ Polen brauche eine neue Orientierung der Gesellschaft, eine Orientierung, die die vorhandenen, oft nur oberflächlich gelebten christlichen Werte vertiefe.
Historische Dramatik. Der bei der Flugzeugkatastrophe umgekommene Präsident Kaczynski wurde von den polnischen Medien ob seines linkischen Auftretens oft lächerlich gemacht, seine Beisetzung auf dem Wawel führte zu herben Auseinandersetzungen. Außerhalb Polens standen bereits bei den ersten Nachrichten über Kaczynskis Tod Bezeichnungen wie „erzkonservativ“ im Vordergrund. Kaczynski hatte viele Kritiker. Sogar sie respektieren zwei bedeutende gesellschaftliche Entwicklungen seiner Amtszeit: Das Erstarken eines polnischen Selbstbewusstseins im Kräftespiel der Europäischen Union und den Prozess der Vergangenheitsbewältigung. Keiner der Vorgänger Kaczynskis hatte es wie er gewagt, die noch lebenden Widerstandskämpfer des Warschauer Aufstands von 1944 auszuzeichnen und ihren Widerstand in einem Museum zu dokumentieren. Er scheute sich auch nicht, die vom Massaker von Katyn belasteten Beziehungen von Polen und Russland versöhnend aufzuarbeiten: 22.000 polnische Offiziere und Intellektuelle hat der sowjetische Geheimdienst 1940 im russischen Katyn ermordet. Der Flug des Präsidenten mit einer hochrangigen Delegation und Angehörigen von Katyn-Opfern am 10. April nach Smolensk sollte eine der Versöhnungsgesten zum 70. Jahrestag sein: Kaczynski wollte in Katyn Mitglieder einer russischen Versöhnungsbewegung auszeichnen. „Wir müssen daran arbeiten, dass die Wunde von Katyn endlich geheilt wird“, steht in der Rede, die der Präsident nicht mehr halten konnte. Durch den Absturz der Maschine erhielt sie historische Dramatik.
Katyn in Krakau. Knapp unter dem Wawel steht ein Gedenkkreuz an das Verbrechen von Katyn. Bewegungslos und still verharrten die Menschen in den Tagen der Trauer nach der Flugzeugkatastrophe vor diesem Kreuz und den Schautafeln, die vom Massaker zeugen. „Die große Anteilnahme der russischen Bevölkerung an der Tragödie des Flugzeugunglücks stärkt die Hoffnung auf Annäherung und Versöhnung zwischen unseren beiden slawischen Völkern“, sagte Kardinal Stanislaw Dziwisz bei der Trauerfeier im Krakauer Mariendom. Seine Worte zielten direkt auf den anwesenden russischen Staatspräsidenten Dmitrij Medwedew.
Die Wahl. „Versöhnung“ wird nun auch zum Schlagwort der polnischen Innenpolitik. Kardinal Jozef Glemp forderte mit Blick auf die vom Herbst auf den 20. Juni vorverlegte Präsidentschaftswahl eine bessere politische Kultur ein, Übergangspräsident Bronislaw Komorowski beschwor seine Landsleute, „Polen nicht in traditionell-konservativ und weltoffen“ zu teilen. Der schwarze Trauerflor über der weiß-roten polnischen Flagge kann eine Brücke über diese Kluft bilden.
Über Grenzen hinweg
Priester. Unter den 96 Opfern der Flugzeugkatastrophe waren auch zehn Geistliche: der katholische Militärbischof Tadeusz Ploski, der „Präsidentenkaplan“ Roman Indrzejczyk und sechs weitere katholische Priester sowie der orthodoxe Erzbischof Miron Chodakowski und der evangelische Militärdekan Adam Pilch. Da Juden am Sabbat kein Flugzeug benützen, war Polens Oberrabbiner Michael Schudrich nicht in der Unglücksmaschine. Bei einem Autounfall auf der Heimfahrt von den Trauerfeierlichkeiten starb der Warschauer evangelisch-lutherische Bischof Mieczyslaw Cieslar.
Politiker. Beim Flugzeugabsturz starb neben Präsident Lech Kaczynski von der Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) auch Jerzy Szmajdzinski von der Linken. Beide hätten bei der nächsten Präsidentenwahl kandidiert.