Über die Fähigkeit Martin Luthers, den Kern der christlichen Botschaft einfach und eingängig zu beschreiben und warum Kirchen, die um sich selbst kreisen, peinlich sind: Gerold Lehner, Superintendent der evangelischen Diözese Oberösterreich (Augsburger Bekenntnis) im Gespräch mit der KIZ.
Von etwa 1525 bis zu Beginn des 17. Jahrhunderts – fast hundert Jahre hindurch – waren an die 80 Prozent der Bewohner/innen des heutigen Oberösterreich „lutherisch“. Was hat Menschen an der Reformation so fasziniert? Lehner: Hier sind zumindest zwei Dinge zusammen gekommen. Ein bereits lange vor der Reformation existierendes Bedürfnis nach einer Reform der Kirche an Haupt und Gliedern und die Fähigkeit Luthers, den Kern der christlichen Botschaft zu beschreiben. Die Faszination der Reformation – so schwierig eine solche Einschätzung aus heutiger Perspektive auch ist – bestand wohl in der Konzentration auf die Grundwahrheiten des Glaubens: Gott nimmt den Menschen aus Gnade und Barmherzigkeit an. Worauf es ankommt, ist das Vertrauen auf Christus. Und konkurrenzlos vor allem anderen steht die Heilige Schrift: Sie ist der Maßstab, an dem sich Kirche messen lassen muss, in ihr finden wir das Evangelium. Zuerst Evangelium und dann Kirche: Diese Neuausrichtung hat viele überzeugt.
Warum wurde die Auseinandersetzung zwischen katholischer Kirche und Lutheranern binnen kurzem so hart geführt? Es war ein katastrophaler Fehler, dass die katholische Kirche nicht in erster Linie theologisch, sondern politisch geantwortet hat. In der katholischen Reaktion ist zumindest in der Frühzeit deutlich, dass die Sache genau umgekehrt läuft: zuerst die Kirche und ihre politischen Interessen und dann das Evangelium.
Die Kirchenspaltung war die Folge ... Durch die Exkommunikation Luthers wurden Brücken abgebrochen und das Vertrauen in die Institution Kirche zerstört. Zum Schaden für beide Kirchen, möchte ich betonen: Denn diese radikale Ablehnung der römisch-katholischen Kirche hat auch uns Protestanten auf einen Weg geführt, der in seiner radikalen Gegnerschaft eine Sackgasse war.
Ab 1620 begann eine harte Zeit für evangelische Christen: Sie wurden vor die Alternative „auswandern“, oder „Rückkehr zur katholischen Kirche“ gestellt. Ist von dieser Zeit der Unterdrückung etwas geblieben? Was geblieben ist, ist die starke Rolle der „Laien“ in der evangelischen Kirche. In der Zeit der Unterdrückung wurden ja alle Prediger ausgewiesen. Viele Evangelische wanderten aus, viele blieben, wurden nur offiziell katholisch und pflegten im Verborgenen ihren evangelischen Glauben weiter. Nur durch das Wirken dieser Menschen hat der evangelische Glaube in unserem Land überlebt. Und die Hochschätzung des Evangeliums selbst ist geblieben. In der Zeit des Geheimprotestantismus wurden unter großem persönlichen Einsatz und Gefahren Bibeln versteckt und im Geheimen gelesen. Solche Erfahrungen prägen. Aber nicht nur die evangelische Kirche allein, auch die katholische Kirche.
Wo zeigt sich das konkret? Weitergelebt hat der „Evangelische Impuls“ auch in der katholischen Kirche. Denken sie daran, dass im 20. Jahrhundert die Bibel eine große Rolle zu spielen beginnt und dass die einheimischen Sprachen die lateinische im Gottesdienst ersetzen. Umgekehrt hat die evangelische Kirche im 20. Jahrhundert auch über die Vermittlung der katholischen Schwesterkirche das Abendmahl wieder stärker entdeckt. Die Kirchen reiben sich also nicht nur aneinander, sie sind auch imstande, voneinander zu lernen.
Worauf sind Sie stolz, dass das in der evangelischen Kirche seinen Platz hat? Stolz ist in der Kirche keine Kategorie. Sehen wir auf die Erlösung, auf das, was Jesus für uns getan hat, sehen wir auf die Größe der Gabe und der damit verbundenen Aufgabe, dann gibt es nur zwei angemessene Kategorien: Dankbarkeit und Demut. Natürlich gibt es „evangelische Tugenden“, wie zum Beispiel die Selbstständigkeit im Glauben oder die Betonung der einzelnen Gemeinde, die in unserer Kirche vermutlich stärker ausgeprägt sind. Aber wer von den Tugenden reden will, der müsste auch von den korrespondierenden Gefährdungen sprechen, sonst ergibt sich ein idealisiertes und damit falsches Bild.
Anstatt von Ökumene ist von Amtsträgern beider Kirchen immer wieder vom „Profil“ die Rede, das die Kirchen unverwechselbar machen soll: Was ist das evangelische Profil? Das Gerede von den Profilen halte ich für nicht sachgemäß. Wir haben nicht unsere konfessionellen Profile zu pflegen, sondern in der Nachfolge Jesu zu leben, alle Kirchen miteinander. Damit sollten wir genug zu tun haben. Sobald sich die Kirchen selbst vor den Spiegel stellen, um sich „herzurichten“, wird es peinlich. Wir sollten uns vielmehr an die Sorglosigkeit der Bergpredigt erinnern, wo es heißt: Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes, dann wird euch alles andere zufallen.
Was sind die Schritte in der Ökumene, die aus ihrer Sicht heute anstehen? Ich denke, dass wir in einer schwierigen und entscheidenden Phase sind. Es wurde theologisch viel erreicht und sehr viel geklärt. Jetzt sind wir an dem Punkt, wo wir uns fragen müssen: Sollen diese Einsichten Konsequenzen haben? Wollen wir den entscheidenden Schritt aufeinander hin tun, oder wollen wir doch lieber für uns bleiben? Da orte ich auf beiden Seiten Angst vor realen Veränderungen. Denn keiner kann so bleiben wie er ist, wenn wir das Miteinander ernst nehmen.
Die katholische Kirche ist zurzeit durch die Fälle von Missbrauch in einer schweren Krise: Wie erleben Sie die Situation? Das Leiden einer Kirche ist das Leiden der ganzen Kirche. Ich wünsche der katholischen Kirche, meiner Schwesterkirche, den guten Geist Gottes, mit dieser schwierigen Situation umzugehen. Es macht niemanden kleiner, Schuld zuzugeben, sondern es ist die Möglichkeit, neu anzufangen.
Zur Sache
Evangelisch in OÖ
Der evangelischen Kirche in Oberösterreich (Augsburger Bekenntnis) gehören die 53.600 Christen an. Das sind rund 4 Prozent der Bevölkerung des Bundeslandes (73 Prozent katholisch, 4,5 Prozent muslimisch). In den 35 Pfarrgemeinden mit acht Tochtergemeinden, an die fünfzig Predigtstellen und der kategorialen Seelsorge sind sechzig hauptamtliche Pfarrer/innen tätig. Dazu kommen 400 Presbyter/innen, die als Presbyterium, dem auch der/die Pfarrer/in angehört, die Gemeinden leiten. Manche evangelische Gemeinden umfassen eine Reihe von politischen Gemeinden. So erstreckt sich die Pfarre Gallneukirchen fast über die Hälfte des Mühlviertels. Von den 35 evangelischen Gemeinden bezeichnen sich neun als Toleranz-Gemeinden (Eferding, Gosau, Bad Goisern, Neukematen, Rutzenmoss, Scharten, Thening, Wallern und Wels). Deren Gründung wurde im Zuge des Toleranzpatents Joseph II. von 1781 möglich.
- Zur Landesausstellung „Renaissance und Reformation“ im Schloss Parz bei Grieskirchen.