Johanna und Manfred sind 23 Jahre verheiratet und haben zwei Kinder. Sie leben schon längere Zeit sehr wenig körperliche Berührung, geschweige denn Sexualität.
Ausgabe: 2017/06
07.02.2017
- Josef Hölzl
Manfred wirft das Johanna vor und fühlt sich zurückgewiesen, weil er mehr möchte. Johanna erlebt das Drängen von Manfred vorwurfsvoll und machtvoll. Sie ist enttäuscht und gekränkt, dass ihr Mann immer weniger Interesse an ihren Bedürfnissen zeigt. Sie würde sich mehr Engagement im Haus und großen Garten wünschen. Für ihn sind Arbeit und Verein wichtiger.
Unterschiedliche Bedürfnisse als Machtmittel
Jeder erlebt den anderen mächtig und Druck ausübend. Letztlich erleben beide jedoch Ohnmacht und fühlen sich in ihren Bedürfnissen unverstanden und nicht gesehen. Die Versuchung besteht, den Druck so zu erhöhen, bis jemand nachgibt um des Friedens willen oder sich noch mehr zurückzieht, um aus dieser Druck- und Kampfsituation auszubrechen. Ein Lösungsansatz wäre, dass jeder ein wenig nachgibt und die Bedürfnisse des anderen wahrnimmt. Das kann gut gehen, wenn beide dazu Ja sagen und vor allem die Frau sich dadurch nicht genötigt erlebt. Der Grenzgang zu Gewalt und Manipulation in der Ehe ist besonders hier eine riskante Versuchung und widerspricht im hohen Maße der Intention von beziehungsorientierter Sexualität. Gerade in der Sexualität sind Partner sehr verletzbar und darauf angewiesen, dass die Bedürfnisse, aber auch die Grenzen vom anderen respektiert werden. Ein weiterer Ausweg aus der Sackgasse des Machtkampfes wäre, dass beide akzeptieren lernen, dass der Partner/die Partnerin wichtige Bedürfnisse nicht erfüllt. Dann sind die Partner gefordert, mit Mangel und Enttäuschung umzugehen. Manfred muss sich fragen: „Was alles verbindet uns als Paar, wenn Sexualität nicht möglich ist? Kann ich damit leben, wenn meine Frau sagt, sie will keinen Sex mit mir haben?“ Johanna muss sich fragen: „Was hindert mich, mich auf körperliche Berührung einzulassen, was hat dazu geführt, dass ich diese Form der Nähe nicht will bzw. welche Bedenken habe ich, wenn diese Form der Hingabe (und Verlust von Kontrolle) in meinem Leben (wieder) mehr Raum gewinnt?“
Sexualität als Ausdruck der Beziehung
Im Text von „Amoris Laetitia“ von Papst Franziskus bekommt Sexualität eine Neuordnung: „Die Sexualität ist nicht ein Mittel zur Befriedigung oder Vergnügen, denn es ist eine zwischenmenschliche Sprache, bei der der andere ernst genommen wird in seinem heiligen und unantastbaren Wert“ (AL 151). „Es ist nicht überflüssig, daran zu erinnern, dass die Sexualität sich auch innerhalb der Ehe in eine Quelle des Leidens und der Manipulation verwandeln kann. Deshalb müssen wir in aller Klarheit sagen, dass ein dem Partner aufgenötigter Verkehr, der weder auf sein Befinden noch auf seine berechtigten Wünsche Rücksicht nimmt, kein wahrer Akt der Liebe ist, dass solche Handlungsweise vielmehr dem widerspricht, was mit Recht die sittliche Ordnung für das Verhältnis der beiden Gatten zueinander verlangt (AL 154).
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