Der Jägerstätter-Todestag am 9. August ist ein Anlass, an eine bislang völlig unbeachtete Geschichte zu erinnern: Der oberösterreichische Schriftsteller Carl Hans Watzinger, der in der NS-Zeit zu den führenden Autoren des Landes gehörte, verfasste ein Theaterstück über Jägerstätter – als Mahnung und Friedenssymbol, wie er schreibt.
Carl Hans Watzinger (1908 in Steyr geboren und 1994 in Linz verstorben) machte sich bereits in der Zwischenkriegszeit mit populären Romanen einen Namen, in denen Heimat, Volk und Ehre zentrale Themen waren. Der Durchbruch gelang ihm mit seinem Luther-Roman „Mensch aus Gottes Hand“ (1938), der auch sprachlich, so Experten, herausragend war. Als 1938 die Nationalsozialisten die Macht in Österreich übernahmen, war es für Watzinger naheliegend, im „Bekenntnisbuch österreichischer Dichter“ mit einem Text Zeugnis seiner Gesinnungstreue dem Führer gegenüber abzulegen. Selbstverständlich hatte er bei der Dichterwoche des Reichsgaus Oberdonau seinen Platz, und seine Werke wurden ausdrücklich empfohlen.
Kein Opportunismus. Nach dem Krieg erhielt Watzinger drei Jahre Berufsverbot. Er war dann Zeit seines Lebens als freier Schriftsteller (Hörspiele für den ORF, Künstlerbiografien) und als Theaterkritiker tätig. Was der Anlass war, sich literarisch mit Franz Jägerstätter zu beschäftigen, ist zur Zeit noch nicht klar nachzuvollziehen. 1970 verfasst er jedenfalls das Theaterstück „Franz Jägerstätter oder die Notwehr. Eine bittere Komödie“. Das Werk beschreibt die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit Jägerstätter ganz anders, als sie tatsächlich passiert ist. Das macht den Reiz des Werks aus. Eines scheint klar: aus Opportunismus kann Watzinger das Stück nicht geschrieben haben. 1970 hat man sich mit Jägerstätter keine öffentliche Anerkennung abgeholt, wie der 1971 ausgestrahlte Film von Axel Corti „Der Fall Jägerstätter“ zeigt. Zeitgenossen bezeichnen übereinstimmend Watzinger als integren Menschen. Es war vermutlich seine persönliche, innere Suche, die ihn zu Jägerstätter führte. Watzinger schreibt 1986 an Pfarrer Georg Bergmann: „Als ich Jägerstätter verstand, habe ich ihn geliebt.“ Darum tat es ihm leid, dass sein Stück niemand aufzuführen wagte. (Das Manuskript liegt - unberührt - im OÖ Literaturarchiv im Stifterhaus, Linz).
Entfachte Menschen. Watzingers Witwe Ulrike (Heirat 1947) betont, dass ihr Mann sehr introvertiert war und sich ihr gegenüber nicht über den Nationalsozialismus geäußert hat. Sie weist aber darauf hin, dass er sich Zeit seines Lebens mit „entfachten Menschen“ beschäftigte: mit Luther, Kleist, .... Sie nimmt an, dass ihn Jägerstätter entfacht hat, ebenso wie Dietrich Bonhoeffer. Zerlesene Bonhoeffer Bände in Watzingers Bibliothek zeugen davon. Der evangelische Christ Watzinger hat auch ein – nie gespieltes Stück – über Bonhoeffer verfasst: „Die Nachfolge oder Dietrich Bonhoeffer, Mann von morgen“.
Märtyrer des Gewissens
Pax Christi Österreich und die Pfarre Tarsdorf luden am 9. August 2011 zum Gedenken an den Todestag des Seligen Franz Jägerstätter. Der Theologe und Historiker Dr. Thomas Schlager-Weidinger hielt im Pfarrheim Tarsdorf einen Vortrag zum Thema: „Gehirnfutter und Seelennahrung: Quellen der Gewissens- und Wertebildung im Fall Jägerstätter“. Bischof Thomas Gumbleton aus Detroit (USA) und Bischof em. Maximilian Aichern feierten zu Ehren des Seligen einen festlichen Gottesdienst, an dem auch die Witwe des seliggesprochenen Märtyrers, Franziska Jägerstätter, teilnahm.