Der „Aufruf zum Ungehorsam“ der Pfarrer-Initiative – Helmut Schüller als Sprecher bringt enorme mediale Aufmerksamkeit – sorgt für erregte Diskussionen. Der Moraltheologe Michael Rosenberger geht im Gespräch mit der KirchenZeitung nicht so sehr auf die einzelnen Forderungen der Pfarrerinitiative ein, sondern auf Hintergründe, die in der aktuellen Auseinandersetzung kaum angesprochen werden.
Warum hat sich innerhalb der letzten Wochen am Aufruf der Pfarrerinitiative eine so lebhafte Diskussion über den Gehorsam entzündet? Rosenberger: Die Vorstellungen über die Zukunft der Kirche und darüber, was uns vom Evangelium her aufgetragen ist, gehen immer weiter auseinander. Da wird der Gehorsam zum Problem.
Was bedeutet eigentlich Gehorsam? Die Grundbedeutung von Gehorsam ist: Das Volk Gottes hört auf seinen Gott. Wenn nun die einfachen Mitglieder des Gottesvolkes, die Priester und die Bischöfe Unterschiedliches hören, kommt es zu Schwierigkeiten.
Was ist zu tun? In der Diskussion über den Aufruf zum Ungehorsam meine ich: Es geht um das gegenseitige Zuhören, um das einfühlsame Zuhören. Das heißt: Ein Bischof muss die Not seiner Pfarrer an sich heranlassen, sodass er wirklich spürt, was die Pfarrer an Spannungen auszuhalten haben. Er muss sich von den Pfarrern erzählen lassen, was sie bewegt. Die Bischofsbesuche in den Pfarren bieten dazu eigentlich eine Gelegenheit. Aber bei Visitationen tappen die Pfarrer leider oft selbst in die Falle und versuchen ihre Pfarre nur positiv darzustellen. Warum kommt der Bischof bei Visitationen nicht einmal mit geschiedenen Wiederverheirateten zusammen und hört ihre Lebensgeschichten an? Wir reden zu schnell über abstrakte Standpunkte und Prinzipien und erzählen zu wenig vom konkreten Leben.
Um bei den geschiedenen Wiederverheirateten zu bleiben. Es gibt seit etwa zwei Jahrzehnten Lösungswege, die theologisch und pastoral zu verantworten sind. Aber kirchenamtlich bewegt hat sich trotz vieler Appelle und Gespräche nichts. Leider. Weil uns kirchenrechtlich abgesicherte Wege fehlen, dass Laien und Priester wirklich in Entscheidungen einbezogen werden. Diese Wege fehlen nicht nur im Fall der geschiedenen Wiederverheirateten, sondern auch in anderen drängenden Fragen. Sowohl auf der Ebene der Pfarre als auch der Diözese und natürlich auch auf Weltebene brauchen wir nicht nur beratende, sondern beschließende Gremien. Wir brauchen eine Wiederbelebung der synodalen Struktur, wie sie in der alten Kirche üblich war.
Macht man da den Glauben nicht zum Gegenstand von Mehrheitsentscheidungen? Ganz und gar nicht. Synodal entscheiden heißt Wege zu suchen, sodass hinter einem Beschluss möglichst alle stehen können. Das Zweite Vatikanische Konzil war ein Musterbeispiel dafür. Übrigens ist die Wahl eines Papstes auch ein synodaler Akt. Ein Papst wird gewählt!
Zurück zur Pfarrerinitiative. Wie kann es weitergehen, nachdem Kardinal Schönborn deutlich gemacht hat, dass er Klarheit schaffen will? Ich habe darauf keine Antwort. Nach so vielen Jahren, in denen die Anliegen der Pfarrerinitiative in unterschiedlichen Formen und Gruppierungen im Gespräch sind, nur an die Geduld der Leute und Pfarrer zu appellieren, wäre zynisch. Ich sehe momentan wirklich keinen Ausweg. Nicht zielführend würde aber sein, wenn eine Seite komplett zurücksteckt. Es müssen sich alle Beteiligten bewegen: Papst, Bischöfe, Priester und Gläubige.
Wer hat nun mehr Verantwortung, dass sich etwas ändert? Die Macht zwischen Bischöfen und Pfarrern ist ja ungleich verteilt. Ich möchte das Maß der Verantwortung für den Wandel nicht an der Macht, sondern an der Taufgnade festmachen. Alle Getauften sind gerufen, sich stetig zu wandeln. Wenn die Bischöfe dieselbe Bereitschaft zu Veränderungen haben wie die einfachen Gläubigen, dann könnte etwas in Bewegung kommen.
Die Bischöfe sagen, dass sie durch weltkirchliche Regelungen keinen Bewegungsspielraum haben und keine Alleingänge machen wollen.< Es gibt immer Möglichkeiten, etwas zu ändern. Der christliche Glaube wäre tot, wenn wir sagen: Ich habe keinen Spielraum.
Wären Sie Pfarrer, würden Sie den Aufruf zum Ungehorsam unterzeichnen? Nein.
Warum nicht? Weil mir die einzelnen Forderungen zu plakativ sind. Wenn ich nur die Position zu den geschiedenen Wiederverheirateten herausnehme, die mich als Moraltheologen besonders angeht: Die Pfarrerinitiative sollte trotz der notwendigen Kürze signalisieren, dass sie sich an differenzierten Lösungen orientiert.
Dr. Michael Rosenberger (geb. 1962) lehrt seit 2002 Moraltheologie an der Katholisch-Theologischen Privatuniversität Linz. 2004 wurde er auch zum Umweltsprecher der Diözese Linz ernannt. Dem Priester aus der Diözese Würzburg ist die Verbindung von Theologie und Spiritualität ein besonderes Anliegen.