Sie haben das ehemals verwilderte „Himmelreich“ zu einer Spitzenlage für den Grünen Veltliner und zu einem Erlebnisweingarten gemacht, die Winzer des „Weinquartetts“ von Donnerskirchen. Und der Ausblick bis hin zum Neusiedler See ist einen Abstecher wert. Etwas mühsamer ist es schon, wenn man vom „Himmelreich“ im Ennstal (1369 m) oder den Schladminger Tauern (2500 m) blicken will, aber nicht weniger lohnend. Mit derartigen Reizen kann das „Himmelreich“ in der Gemeinde Wals-Siezenheim bei Salzburg nicht aufwarten. Ein „himmlisches Vergnügen“ des Einkaufens und der Unterhaltung haben dort Anfang der 90er Jahre die Manager des neu errichteten Airportcenters versprochen. Aber weil weniger als erwartet in diesen Himmel wollten, wurde inzwischen viel um- und neugebaut und das „Himmelreich“ zum größten Gewerbegebiet Westösterreichs.
Sanfte Stille. „Wenn Sie etwas über das ,alte Himmelreich‘ wissen wollen, müssen Sie den Schneiderbauern fragen“, meint die Gemeindesekretärin. „Ich bin der Bartl und wir sind eh per Du. Das macht das Reden leichter“, meint er zur Begrüßung. Mit seinen 73 Jahren ist Bartholomäus Reischl noch jeden Tag auf den Gemüsefeldern, für die die Walser Bauern berühmt sind. Per „Du“ ist der Bartl aber auch mit den Leitern der Archive der Erzdiözese und des Landes Salzburg, denn er ist ein leidenschaftlicher und durchaus professioneller Lokalhistoriker und Heimatforscher. Das Himmelreich ist altes Kultur- und Bauernland, wie die Ausgrabung einer prachtvollen römischen Landvilla belege, erzählt Reischl. Der Name „Himmel- reich“ scheint erstmals 1648 in einem Verzeichnis auf, das die „Bauernhöfe und Häuser mit Rauchfang“ enthält, die in der Pfarre Siezenheim bei Prozessionen und Kreuzgängen den „Gehorsam zu leisten schuldig sind“. Für den Ortsnamen selbst gibt es in der ansonsten durchaus sagen- und geschichtenreichen Walser Gegend eine recht profane Erklärung: An der alten Ost-West-Straßenverbindung (heute Bundesstraße 1) habe der Salzburger Erzbischof und Landesherr mit seinem Gefolge hohe Gäste aus Tirol und Bayern begrüßt. „Zum festlichen Empfang ließ er einen Baldachin aufstellen, einen ,Prunkhimmel‘, wie man ihn heute noch – allerdings viel kleiner – bei Prozessionen verwendet“, erzählt Reischl.
Sterne und Altäre. „Himmlische Bezüge“ ortet der Schneiderbauer auch noch in der Familie Doppler. Nicht nur das Hauptwerk des berühmten Physikers und Mathematikers Christian Doppler (1803–1853) über das „farbige Licht der Doppelsterne und anderer Gestirne“ weise in den Himmel, auch dessen unmittelbaren Vorfahren – Georg, Joseph und Johann Doppler – haben mit ihren Marmoraltären den Blick vieler Menschen himmelwärts gezogen. Arbeiten der seit dem 17. Jahrhundert in „Himmelreich“ ansässigen Steinmetze können bis heute in den ehemaligen Klöstern Herrenchiemsee und Höglwörth ebenso bestaunt werden wie in vielen Salzburger und Tiroler Gotteshäusern oder in der berühmten Dreifaltigkeitskirche von Stadl-Paura.
Dunkler „Himmel“. Von Christian Doppler springt der Schneiderbauer zu einem anderen „Christian“, mit dem und dessen Familie er irgendwie um „Ecken“ verwandt, aber zumindest seit langem befreundet ist – zu Christian Haidinger, dem Abt von Altenburg. Damit berührt Reischl auch die Geschichte eines anderen Reichs, das „nicht wenige in unserer Gegend für ein ,himmlisches‘ hielten. Die Haidingers sind 1952 nicht nur deshalb von Siezenheim nach Oberösterreich gezogen, weil sie für die Errichtung der Schwarzenberg-Kaserne viel Grund an die Amerikaner abtreten mussten. Der Vater von Christian hat mir erzählt, dass sie durch den Gemüsebau durchaus noch lebensfähig gewesen wären. Aber er hat nicht vergessen können, was man ihm und seinem Vater in der NS-Zeit angetan habe.“ Dabei kommt Reischl auch darauf zu sprechen, wie unterschiedlich die Siezenheimer und die Walser, die erst seit 1948 in einer gemeinsamen Gemeinde leben, auf „die Hitlerei“ reagiert haben. In der Pfarre Siezenheim seien nach dem „Anschluss“ mehr als 100 Leute aus der Kirche ausgetreten, in der größeren Pfarre Wals (1390 Katholiken) waren es knapp 20. Über 90 Prozent der Kinder waren zu den Seelsorgestunden angemeldet. Die Walser hielten auch zu ihrem Pfarrer Anton Raudaschl, als er von den Nazis mit Gauverweis und Seelsorgeverbot belegt wurde.