Ausgabe: 2011/38, Reportage, Vater unser, Geschichten, Jahrbuch, Ofen, Brot, Bäcker,
26.09.2011
- Veronika Falkinger
Es war 1995 – die Zeit des Beitritts Österreichs zur Europäischen Union. Veronika und Hans Falkinger bewirtschafteten eine kleine Landwirtschaft mit Mutterkühen – die „Striezelmühle“ in Lembach. Seit vielen Generationen wird die Mühle und die Säge betrieben – mit der Wasserkraft. Nun standen sie vor der Frage: „Wie können wir das Überleben mit der kleinen Landwirtschaft, Mühle und Säge sichern?“ Veronika Falkinger erzählt, wie sie zur „Bäckerin“ wurde.
Wir haben uns entschieden – und haben 1997 mit dem Brotbacken begonnen. Es war am Sonnwendtag, als wir unsere Backstube mit dem frisch gesetzten Ofen in Betrieb nahmen. Die Nachbarn und Kinder waren auch dabei. Zufällig waren zwei Bäcker aus dem Innviertel an diesem Tag zu uns gekommen. Es war für uns ein aufregender Tag – ein kleines Fest. Wir spürten Zuversicht damals, aber auch Ungewissheit. Viele haben uns beraten und geholfen beim Planen, beim Erlernen des Bäcker-Handwerks. Eine Bäckerei, die damals bei uns in Lembach zugesperrt hat, hat uns vieles günstig überlassen, was man an Ausstattung braucht. Mit Mundpropaganda ist langsam die Nachfrage gestiegen und auch wir hatten die Möglichkeit mitzuwachsen. Nach einer Probierzeit und Rezepturveränderung hat sich unser „Striezlmühnabrot“ entwickelt. Dreimal in der Woche backen wir heute. Am Vorabend wird der Sauerteig angesetzt. Um 3 Uhr früh steht Hans auf, um den Sauerteig noch einmal zu vermehren. Ab 5 Uhr stehe ich in der Backstube. Beim Auswägen der Zutaten habe ich so meine Gedanken. Ich koste den Sauerteig, lass ihn am hinteren Gaumen zergehen, damit ich weiß, wie er schmeckt. Es ist faszinierend, was aus Mehl und Wasser bei der richtigen Temperatur entsteht. Der Ofen wird eingeheizt und der Teig geknetet. Da geht mir Verschiedenes durch den Kopf. Manchmal, was ich geträumt habe, auch worüber wir gestern gesprochen haben, was mich eben beschäftigt. Beim „Wirken“ – dem Formen der Laibe und Striezel – sind wir zu zweit. Da haben wir Zeit zum Reden, Singen und Diskutieren. Oft hören wir Musik auf Ö1. Wenn es ruhig ist, habe ich meine besten kreativen Phasen. Ist der Teig für das Vollkornbrot in der Form, beobachte ich, wie er sich hebt. Man spürt: Da lebt etwas. Nach rund einer Stunde werden die Striezel in den sauber ausgewischten Holzofen eingeschossen. Zuerst das Vollkornbrot, weil es etwas länger braucht, dann die Striezel und Laibe. Spannend ist nach der Backzeit der erste Blick in den Ofen: Wie ist die Form und Farbe? Beim Backen im Holzofen ist nicht jeder Striezel gleich.
Schritt für Schritt zum frischen Brot. Das Biogetreide für unser Brot kommt aus der näheren Umgebung. Schritt für Schritt wächst aus dem ausgesäten Korn neues Leben. Es verändert sich, reift, wird dann bei uns zu Mehl vermahlen. Aus einem guten Sauerteig wird Brot als Nahrung zum Leben. Der Kreis schließt sich. Wir kennen alle unsere Kundschaften. Die guten Gespräche, der Austausch untereinander, die Anerkennung – das alles gehört zum Brot. Das tägliche Brot heißt für uns aber auch: Jeder soll sich unser Brot leisten können. Deshalb produzieren wir keinen unnötigen Überschuss. Was in den Ofen kommt, ist bereits bestellt. Unser Brot ist gefragt. Eigentlich könnten wir jeden Tag backen. Aber wir sind um die fünfzig, und man wird nicht leistungsfähiger. Wenn keine Zeit mehr wäre zum Musizieren und Singen, auch zum Theaterspielen in unserer Gruppe, dann würden wir mit unserem Brot unser Leben einengen, statt dass es uns nährt. In der Verbindung von allem liegt das Leben. Vom Herrichten der Holzscheiter aus unserem Wald, dem Mahlen des Roggens, den wir von den Bauern hier kaufen, bis zum fertigen Brot ist es ein langer Weg. Zwei Drittel der rund 240 Kilo, die wir wöchentlich backen, werden von den Kunden direkt bei uns abgeholt. Die Treue unserer Kunden ist unser größter Schatz. Sie wissen, wo sie das Brot finden, wenn wir gerade nicht im Haus sind. Und wenn wir im August einmal auf Urlaub fahren, sagen sie: Recht habt ihr! Im September kriegen wir ja wieder was.
Brot ist Leben. Brot symbolisiert für uns Gemeinschaft: Wir essen gemeinsam, feiern, singen, lachen, weinen, wir teilen aus und haben Teil aneinander. Und wir tragen Verantwortung für unsere Umwelt. Brot ist das wichtigste Nahrungsmittel, darum ist es ein Geschenk, dass ich es machen kann. Brot heißt für mich überleben an Leib und Seele. Jesus spricht vom Brot und teilt es mit den Jüngern. So wünschen wir uns alle, Brot füreinander zu werden.
- Dieser Beitrag ist dem eben erschienenen Jahrbuch der Diözese Linz 2012 entnommen. Dieses enthält weitere Geschichten zu den Vater-unser-Bitten.
Das Jahrbuch 2012 erzählt Vaterunser-Geschichten
Geschichten zum „Vaterunser“ erzählt das eben erschienene Jahrbuch 2012 der Diözese Linz. Eine Notfallseelsorgerin schildert, wie eine junge Frau, deren Freund an einer Überdosis starb, das Vaterunser zu beten begann, obwohl er, wie sie sagte, schon lange nicht mehr an Gott glaubte. Was „geheiligt werde dein Name“ im Alltag eines Trappistenklosters bedeutet, schildert Abt Marianus Hauseder von Engelszell. Weitere Geschichten führen in den Krankenhaus-Alltag und in das Gefangenenhaus, oder nach Kasachstan und ins südliche Afrika. Neben dem „Vaterunser“ gilt die Aufmerksamkeit des Jahrbuches auch der bevorstehenden Pfarrgemeinderatswahl 2012. In Jahr 2012 jährt sich zum 50. Mal der Beginn des Zweiten Vatikanischen Konzils. Der Linzer Pfarrer und Dechant Dr. Walter Wimmer war in Rom Zeitzeuge des Konzils. Das Jahrbuch bringt auch eine Rückschau auf die Zeit von Juli 2010 bis Juni 2011. Ein liturgischer Kalender und der umfangreiche Schematismus machen dasJahrbuch zum Handwerkszeug für kirchlich Interessierte und Engagierte. Beim „Jahrbuchrätsel“ gibt es wertvolle Preise zu gewinnen.
Jahrbuch der Diözese Linz 2012, Verlag Veritas, 208 Seiten, Euro 7,90. Erhältlich in der Veritas, im Behelfsdienst des Pastoralamtes und in den Pfarrämtern.