Wenn der Blick auf das Negative fixiert bleibt, dann erschließt sich das große und tiefe Mysterium der Kirche nicht. Dieser Satz im Berliner Olympiastadion zählt zu den fundamentalsten Aussagen des Papstes bei seinem Besuch in Deutschland. In der Tat: Ist das Auge der Öffentlichkeit – in Medien ebenso wie an Stammtischen – so sehr auf das Negative gerichtet – darauf hin, was schief geht und falsch läuft, auf Korruption, Missbrauch, Unglück und Unvermögen – dass das Gute nicht mehr zum Tragen kommt? Dabei weiß jede/r: Wenn Menschen beginnen, einander nur mehr an den gegenseitigen Fehlern wahrzunehmen, dann ist das das Ende der Beziehung. Was hält und trägt, ist das Gute, das jemand will und tut – auch wenn es nur unvollkommen gelingt. Wer nicht isst, weil er am Essen immer etwas auszusetzen hat, wird verhungern. So kann auch eine Gesellschaft „verhungern“, wenn sie nur mehr das Haar in der Suppe wahrnimmt und deshalb die ganze Suppe wegschüttet. Der vom Papst angeregte Blickwechsel gilt über die Kirche hinaus überhaupt für das Leben; und – man wird Papst Benedikt nicht überinterpretieren – auch für Menschen, die sich Kirchenordnungen in der modernen Welt anders vorstellen.