Betriebe siedeln ab. Menschen ziehen weg. In den ehemaligen DDR-Gebieten der Bistümer Magdeburg und Hildesheim versucht man dennoch, Kirche neu zu gestalten. Katsdorf, 25. September 2011. Die Pfarre feiert Erntedank. Zugleich wird das neue Seelsorgeteam, das bis 2013 zusammen mit Pfarrer Josef Etzlstorfer das Pfarrleben tragen wird, eingesetzt. Generalvikar Severin Lederhilger überreicht im Auftrag des Bischofs die Urkunden. Was hier fast Routine ist, gilt in deutschen Diözesen als richtungweisend.
Halberstadt, 14. bis 16. Oktober 2011. Im Benediktinerstift Huysburg im Bistum Magdeburg sind rund 100 Menschen versammelt – aus Poitiers in Frankreich, aus den Bistümern Hildesheim und Magdeburg und aus Oberösterreich. Über die Erfahrungen mit den „Seesorgeteams“ in der Diözese Linz wird hier intensiv diskutiert. Im viertgrößten Bistum Deutschlands leben 89.000 Katholik/innen – 3 Prozent der Bevölkerung. Nach dem 2. Weltkrieg waren es 600.000. Zusammen mit den Evangelischen machen die Christen 10 Prozent aus. Der „Rest“ ist ohne religiöses Bekenntnis. Die 186 Pfarren des Bistums wurden inzwischen zusammengefasst zu 44 Pfarreien. Aber wie soll hier das kirchliche Leben stattfinden können?
Das VOLK-Projekt. Dass Laien aus der Grundberufung ihrer Taufe heraus Verantwortung übernehmen, könnte ein Weg sein. Es ist sonst niemand da. Nahe Halberstadt liegt die frühere Pfarre Schwanebeck. Sie ist nun Teil einer Großpfarre. Nur sieben Familien nehmen regelmäßig am kirchlichen Leben teil. Trotzdem haben sich fünf Leute gefunden, die für diese lokale Gemeinde sorgen wollen – Kirche im Kleinen, aber in der Nähe. Stefan Badum erzählt von der Krisensitzung damals. Zusammen mit den Benediktinern auf der Huysburg haben sie einen Weg gefunden. Das Team kümmert sich um die Kirche, sie gestalten monatlich auch einen Wortgottesdienst.„VOLK“ heißt das Projekt, mit dem man im Bistum Magdeburg Kirchengemeinden diese Möglichkeit schmackhaft machen will. VOLK steht für „Vor Ort lebt Kirche“.
Bistum Hildesheim, in Buxtehude. Im letzten Jahr wurde zum ersten Mal der „Pastoralrat“ für die aus drei Pfarren neu errichtete Pfarrei Buxtehude gewählt. Rund 40 Kilometer beträgt die größte Entfernung. Es gibt noch viel größere Pfarreien. Doch den Menschen ist ein kirchliches Leben in der Nähe wichtig. 40 Kilometer zum Gottesdienst? Das wäre das Ende. Also gibt es neben dem aus den drei Pfarren gewählten gemeinsamen „Pastoralrat“ auch einen „Ortskirchrat“. Alles, was mit Geld verbunden ist und gemeinsam gemacht werden soll, wird zentral entschieden. Um das Kirchenleben in den früher selbstständigen Pfarren kümmert sich jeweils der Ortskirchrat. Spannungsfelder zeichnen sich ab. Verlieren die Priester nicht ganz den Kontakt zu den Gemeinden?
Die kleinen Gemeinden von Poitiers. In Huysburg sind Gäste aus dem französischen Poitiers. Seit Mitte der Neunzigerjahre geht man hier – angestoßen von zwei diözesanen Synoden und motiviert von den beiden Bischöfen aus dieser Zeit – den Weg der kleinen örtliche Gemeinden. Hier sind kirchliche Strukturen fast ganz weggebrochen. Teams aus fünf Leuten – eine Equipe – übernehmen inzwischen an rund 300 Orten die Aufgabe, kleine örtliche Gemeinden zu bilden. Für drei Jahre stellen sie sich zur Verfügung, und sie können nur ein einziges Mal wiedergewählt werden. Das erfordert, dass in einer „Pastoral des Rufens“ ständig Ausschau nach neuen Leuten gehalten werden muss. Severine Boone ist eine von ihnen. Über die Vorbereitung der eigenen Hochzeit ist sie selbst zur „Verkünderin“ geworden. Jetzt begleitet sie ihrerseits junge Menschen, wenn sie heiraten wollen, und sie bringt in ihrem Stadtviertel das Evangelium ins Gespräch.