Die Höflichkeit hat im Alltag oft keinen Platz mehr. Denn einerseits braucht sie Zeit, und die ist in unserer Gesellschaft sehr knapp bemessen. Andererseits vermitteln uns Karriereratgeber, dass nur die Erfolg haben, die sich selbst in den Mittelpunkt stellen und das nötige Durchsetzungsvermögen haben. Dabei ist es ganz einfach, höflich zu sein – und trotzdem alles zu bekommen.
Zugegeben, ich selbst bin mit einer Höflichkeit in einem Ausmaß ausgestattet, die andere Menschen irritieren kann. Zuletzt beim Einkaufen, als einer Frau in der Reihe vor mir das Kleingeld aus der Geldtasche gefallen ist. Ich helfe ihr beim Aufsammeln, und als ich ihr die Münzen in die Hand drücke – bedanke ich mich ... Meine Tochter plagen solche Reflexe nicht. Trotzdem ist sie für ihre zweieinhalb Jahre ausgesprochen höflich. Nach einer Nacht bei den Großeltern verabschiedete sie sich mit: „Oma, danke, wir reisen ab.“ Beim Anziehen, beim Essen oder beim Buchvorlesen, stets äußert sie ein „Ja, bitte“ oder „Nein, danke“, präzise und lautstark. Auch wenn sie nach meinem Geschmack etwas zu oft verneint (Zähneputzen, nein danke), nehme ich sie mir heimlich als Vorbild: Höflich – aber bestimmt!