Wer im öffentlichen Leben steht, muss vorsichtig sein im Beziehungsleben. Anstoß erregt dabei heutzutage weniger jene Art „unstatthafter“ Beziehungen, derentwegen sich Männer in früheren Zeiten duelliert haben. An solches hat sich die Gesellschaft längst gewöhnt. Im Zwielicht steht die Freundschaft – zumal, wenn sie mit Geld oder anderen Zuwendungen in Zusammenhang gebracht wird. Es scheint, als hätte auch in das Beziehungsleben der Materialismus Einzug gehalten. Was kostet es, was bringt es? Wo Geld im Spiel ist, gibt es keine Toleranz. Alles bezahlt, alles ordnungsgemäß abgerechnet. So will es der Anstand der modernen Zeit. Es fehlte bloß noch die Pflicht, wenn schon, dann allen das Gleiche schenken zu müssen. Aber es ist ein großer Unterschied zwischen „Freunderlwirtschaft“ und wirklicher Freundschaft. Die eine berechnet. Das sind die Freunde, die auf einmal nicht mehr da sind, wenn eine Sache zu heiß wird. Man soll sich Freundschaft nicht madig machen lassen – Schenken auch nicht. Jenes, das aus einer Art Freigiebigkeit des Herzens geschieht und nicht aus Berechnung. „Ihr seid meine Freunde“, sagt Jesus.