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Ein skeptischer Blick auf Burmas Wandel

Gabriele Schaumberger pflegt seit 16 Jahren intensive Kontakte zum Volk der Karenni. Erst kürzlich ist sie von ihrem zweieinhalb Monate langen Aufenthalt in den Grenzgebieten zu Burma mit einer alarmierenden Botschaft zurückgekehrt.
Ausgabe: 2012/20, Gabriele Schaumberger, Burma, Karenni, San Suu Kyi, Flürchtling, medizinische Versorung
15.05.2012
- Susanne Huber
Der Rucksack ist vollgepackt mit Medikamenten und medizinischen Geräten. Regelmäßig machen sich burmesische Sanitätsteams aus den Flüchtlingscamps in Thailand zu Fuß auf den Weg über die Grenze in die ethnischen Krisengebiete von Karenni State. Im dichten Urwald der schwer zugänglichen Bergregionen bringen die sogenannten Medics medizinische Hilfe und Bildung für jene, die sich auf der Flucht vor Burmas Militärjunta im Dschungel verstecken. Es ist jedes Mal ein riskantes Unterfangen, denn die Gefahr ist groß, auf die vielen in der Region verlegten Landminen zu treten. Spezialisiert sind die Medics, die selbst Flüchtlinge aus diesen Gebieten sind, auf Malaria, Amputationen, Augen- und Hautkrankheiten, Tuberkulose und Durchfallerkrankungen. An geheimen Plätzen bauen sie mobile Kliniken auf – bestehend aus Plastikplanen am Boden oder einfachen Bambushütten mit Blätterdächern. Die Medikamente müssen zum Schutz vor den Militärs immer extra gelagert werden.

Grausame Verhältnisse. Karenni State ist einer von sieben ethnischen Staaten Burmas. Insgesamt finden sich in diesen Minderheitengebieten 135 verschiedene Volksgruppen mit ihren jeweils eigenen Sprachen und Kulturen. Seit der Unabhängigkeit Burmas von den Briten 1948 kämpfen die Rebellengruppen der verschiedenen ethnischen Minderheiten gegen die Armee der Zentralregierung Burmas um ihre Unabhängigkeit. „Die Dörfer der friedlichen Karenni-Bergstämme werden seit 1985 zu Rebellengebieten erklärt und jeder Zivilist, der sich darin aufhält, wird erschossen – egal ob Frauen, Kinder oder alte Menschen. Es herrschen unvorstellbar grausame Verhältnisse. In Burma gibt es ein Heer von 500.000 Mann, die selbsterhaltend sind. Das heißt, es sind großteils Räuberbanden, die in die Dörfer gehen, sie niederbrennen, die Leute vertreiben, Frauen vergewaltigen. Die nehmen sich alles, was sie zum Leben brauchen, weil sie keinen Sold bekommen. Es sind extrem weite Landstriche komplett vermint. Pläne zur Demilitarisierung existieren nicht“, erzählt Gabriele Schaumberger, Gründerin des Vereins „Burmahilfe“. Die Mehrheit der 300.000 Einwohner im Karenni State sind Christen. Zehntausende von ihnen leben aus Angst vor dem Militär seit fast 30 Jahren als Binnenflüchtlinge im Dschungel. „Dort gibt es kein Wasser, keine medizinische Versorgung, keine Schulen. Für diese Menschen geht es ums Überleben.“ Rund 90 Prozent der Bevölkerung Burmas sind Buddhisten. Die Christen bilden mit fünf Prozent eine Minderheit in dem südostasiatischen Land.

Rohstoffreiche Regionen. Begehrt sind die ethnischen Minderheitengebiete, die vor allem an der Grenze zu Thailand und China liegen, wegen den Ressourcenvorkommen wie Erdgas, Gold, Jade oder Edelhölzer. An den großen Flüssen, die durch diese Regionen fließen, sind Megastaudammprojekte geplant. Der erzeugte Strom soll ins Ausland, vor allem nach Thailand, exportiert werden. Die ethnischen Minderheiten werden deshalb von den Militärs zwangsumgesiedelt, vertrieben, ermordet. Laut Schätzungen gibt es in Burma zwei Millionen Binnenflüchtlinge. 250.000 Menschen sind nach Thailand geflüchtet und leben dort ohne Flüchtlingsstatus in Camps unter fatalen Bedingungen in selbstgebauten Bambushütten. Es fehlt an Platz, an Privatsphäre, die Bewegungsfreiheit ist eingeschränkt, die Essensrationen sind knapp. Arbeiten dürfen die Flüchtlinge nicht; die Selbstmordrate steigt. „In diesen Camps haben sich die Vertriebenen zu kleinen Organisationen zusammengeschlossen. Sie bringen unter anderem medizinische Hilfe in die Krisengebiete Burmas“, so Schaumberger.

Fasziniert von den Karennis. Es war Zufall. Oder Schicksal. Bei ihrer ersten Thailandreise 1996 ist Gabriele Schaumberger in einem Lager mit Flüchtlingen aus Burma gelandet. Fasziniert vom Volk der Karenni, aber auch tief berührt von ihrer schwierigen Lage, blieb sie einen Monat im Camp. „Die Karennis sind äußerst respektvoll, friedlich und voller Humor – trotz ihrer katastrophalen Situation. Bei ihnen zu sein war für mich ein bisschen wie heimkommen.“ Seither hat sich die Verbindung zu diesem Volk intensiviert. Obwohl es seit 2003 kaum mehr möglich ist ins Camp zu gelangen, pflegt sie ihre Kontakte vor allem von Mae Hong Son aus, einer Stadt in Nordthailand nahe an der burmesischen Grenze zum Karenni State. Bei ihren vielen Reisen, zwei davon direkt nach Burma, hat sie sich mit der Situation der ethnischen Minderheiten Burmas eingehend auseinandergesetzt. So ist die Idee gereift, diese Menschen zu unterstützen. 2006 gründete Gabriele Schaumberger schließlich in Wien den Verein „Burmahilfe“. „Ein großes Anliegen ist für mich, die 3000 Jahre alte Kultur der Karennis zu erhalten und traditionelles Wissen wiederzubeleben. Das soll durch Bildungsprogramme geschehen und ist im Aufbau. Derzeit unterstützen wir vor allem sechs mobile Kliniken“, so die gebürtige Linzerin.

Skeptischer Blick auf Burma. In Burma scheint es einen Wandel in Richtung Demokratie zu geben. Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi, die Jahrzehnte von den Militärs unter Hausarrest gestellt wurde, ist frei und hat bei den Nachwahlen im April 2012 den Einzug ins Parlament geschafft. Seit der Wahl Thein Seins 2011 zum Staatspräsidenten sind Reformprozesse spürbar. Die Medienzensur wurde gelockert, politische Gefangene freigelassen. Die EU hat sich deshalb darauf
geeinigt, sämtliche Sanktionen gegen Burma vorerst für ein Jahr aufzuheben. Gabriele Schaumberger steht diesem Kurs der Öffnung skeptisch gegenüber. „Die Junta hat erkannt, dass die einseitigen Beziehungen zu China auf Dauer nichts bringen. Nun öffnet sich das Land dem kapitalistisch orientierten Westen. Und zu diesem Zweck brauchen sie einen demokratischen Anstrich, eine Fassade. So haben sie sich ein Szenario ausgedacht, in dem Suu Kyi die Hauptrolle spielt, weil sie als Demokratieikone das Medieninteresse auf sich lenkt. In der Zwischenzeit können die Juntas sämtliche Ressourcen des Landes ins Ausland verkaufen. Ich denke, dass der Beginn dieses Prozesses der Versuch ist, eine Fassade aufrechtzuerhalten, um es dem Westen einfacher zu machen ohne Gesichtsverlust große Geschäfte im Land zu tätigen.“ Für die Burmaexpertin sind seit den Wahlen nur im ethnisch-burmesischen urbanen Flachland Lockerungen der Zensur und mehr Freiheiten zu spüren, „also dort, wo es nichts zu holen gibt. Für die Minderheiten ist die Situation bereits nach den Wahlen 2010 schlimmer geworden. Im Karenni State gibt es mehr und mehr militärische Truppen und es kommt permanent zu Landenteignungen.“

Gefahren und Hoffnungen.
2014 soll Burma den Vorsitz beim Verband Südostasiatischer Staaten übernehmen. „Ich denke, bis ­dahin müssen sie sich bemühen, dieses Image in Richtung Demokratie aufrechtzuerhalten. Das ist genau die Zeitspanne, in der die Bevölkerung des Landes hofft, dass die Öffnung an Konsistenz gewinnt. Es ist auch zu wünschen, dass Suu Kyi ihre Position bis dahin so weit gefestigt hat, dass sie eventuell bei den nächsten Präsidentschaftswahlen 2015 antreten kann. Auch an der Basis tut sich viel. Es wird von allen Seiten gearbeitet, das ­System von innen her zu kippen. Egal was passiert, es ist ein Prozess im Gange, der nicht mehr rückgängig zu machen ist, der extreme Gefahren, aber auch große Hoffnungen in sich birgt.“
- www.burmahilfe.org
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