Nach den antisemitischen Vorkommnissen in Österreich fehlt der Aufschrei der Regierungsspitze. Ein Kommentar von Hans Baumgartner.
Ausgabe: 2012/37, Kommentar, verstört, betroffen, Fußballfan, Facebook, FPÖ, Regierung
12.09.2012
- Hans Baumgartner
Ein Rabbiner wird in Wien von „Fußballfans“ mit „Heil Hitler“ „begrüßt“ und grob angepöbelt, ohne dass die danebenstehende Exekutive eingreift. Der FPÖ-Obmann veröffentlicht auf seiner Facebook-Seite eine Karikatur, auf der ein feister Kapitalist mit Hakennase und Davidsternen an den Ärmeln von Regierungsbeamten gefüttert wird. Die Vorsitzenden des Ökumenischen Rates der Kirchen (Dura, Bünker, Scheuer) zeigten sich über diese Vorkommnisse „zutiefst verstört und betroffen“. Sie sehen darin „erschreckende Signale, dass dem Antisemitismus wieder Tür und Tor geöffnet wird“. Und weiters heißt es in der Erklärung: „Die entscheidende Erkenntnis aus den grausamen Verirrungen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts besteht darin, dass alle Menschen die gleiche Würde haben. Wenn das jetzt wieder beiseitegeschoben wird, lässt das alle Alarmglocken läuten.“ Nach einer beschämenden Funkstille durch die offizielle Politik war es dann Bundespräsident Heinz Fischer, der nach einigen Tagen anlässlich der Eröffnung des Brucknerfestes in Linz die Karikatur als „feige Spekulation mit den Überresten des Antisemitismus“ bezeichnete. Dazu könne man nur in aller Deutlichkeit sagen: „So nicht.“
Das „So nicht“ des Bundespräsidenten war wichtig, aber der Aufschrei aus den Spitzen der Regierungskoalition fehlt immer noch. Und es geht nicht um eine Scheinentrüstung – denn wir Österreicher/innen und wir Christ/innen tragen hier eine besondere Verantwortung unseren jüdischen Mitbürger/innen gegenüber – aus der Geschichte, aber auch aus unserem Glauben. Deshalb sind höchste Wachsamkeit und Solidarität geboten. „So nicht!“