Noch in seinem letzten Interview wenige Wochen vor seinem Tod hat der Kardinal seine Sorge über den derzeitigen Weg der Kirche geäußert. Kardinäle und Bischöfe schwiegen in ihren Stellungnahmen dazu.
Ausgabe: 2012/37, Tod, Kardinal, Martini, Beileidskundgebung, Kirche, Schweigen
12.09.2012
- Josef Wallner
Nach dem nicht unerwarteten, aber schließlich doch überraschenden Tod des ehemaligen Mailänder Kardinals Carlo Maria Martini vor etwas mehr als einer Woche haben sich die Beileidskundgebungen überschlagen. Kein Wunder, gehörte der Kardinal doch zu den herausragenden Gestalten der katholischen Kirche: intellektuell und spirituell. Auffallend war, dass sich keine kirchenamtliche Stellungnahme – kein Kardinal, kein Bischof – mit den Positionen und Einstellungen Martinis auseinandergesetzt hat. Alle haben ihn gelobt, seine Bescheidenheit, seine Redegabe ... Noch in seinem letzten Interview wenige Wochen vor seinem Tod hat der Kardinal seine Sorge über den derzeitigen Weg der Kirche geäußert und hat Fragen gestellt: „Die Kirche ist zweihundert Jahre lang stehen geblieben. Warum bewegt sich die Kirche nicht? Haben wir Angst? Angst statt Mut? Wo doch der Glaube das Fundament der Kirche ist. Der Glaube, das Vertrauen, der Mut.“ Warum gab es in den kirchenamtlichen Nachrufen keine Bezugnahme auf seine Fragen? Natürlich ist ein Nachruf keine Plattform, um zu argumentieren. Über einen Toten sagt man eher nichts als etwas Negatives, verlangt der Anstand. Aber das Schweigen kann auch ein Zeichen dafür sein, dass man ihn nicht ernst genommen hat.