Ein wenig erinnert auch die Kirche an einen Erdäpfelacker, jetzt, im Herbst. Das saftige Kraut ist dürr geworden. Da ist nichts mehr, könnte ein Mensch denken, für den nur zählt, was oberflächlich zu sehen ist. Ein Leitartikel von Matthäus Fellinger.
Ausgabe: 2012/38, Leitartikel, Erdäpfelklauben, Herbst, Arbeit
19.09.2012
- Matthäus Fellinger
Raw potatoes in burlap sack isolated on white background
Dekorativ sind sie – die Blüten der Erdäpfelstaude; aber auf die Blüten kommt es bei dieser Pflanze nicht an. Was zählt, sind die Knollen, ist das, was unter der Erde wächst. Erst am Tag der Ernte wird sich zeigen, wie sie geraten sind. Vom Charakter her passen Erdäpfel nicht in unsere Zeit, denn sie sind mit einer Geduldsprobe verbunden – und unsere Zeit ist ziemlich ungeduldig. Jederzeit will man über den Stand der Dinge wissen. Kontostand, Körpergewicht, Erfolgsaussichten. Man studiert die Statistiken und handelt rasch. Aber es gibt Dinge, die werden erst gut, wenn man ihnen die Zeit zum Reifen lässt, weit über die Blüte hinaus. Ein wenig erinnert auch die Kirche an einen Erdäpfelacker, jetzt, im Herbst. Die Blüten sind längst dahin, das einst saftige Kraut ist dürr geworden. Da ist nichts mehr, könnte ein Mensch denken, für den nur zählt, was oberflächlich zu sehen ist. Blütezeiten sehen anders aus. Aber Blütezeiten sind nicht schon die fruchtbarsten Zeiten. Die welk gewordenen Erdäpfelstauden erinnern an die Hoffnung, die sich oberflächlich nicht absehen lässt. Da ist noch etwas unter der Erde. Nahrhaft und gut.