Ungetauft: Wie Religionsunterricht dennoch Sinn stiftet
Es ist ein spürbarer Trend an Oberösterreichs Schulen: Kinder ohne Glaubensbekenntnis nehmen am Religionsunterricht teil. Viele Ausgetretene machen das nicht nur aus moralischen Gründen.
Ausgabe: 2012/39, Religionsunterricht, getauft, Kinder, Religionslehrer, Schule
25.09.2012
- Christine Grüll
Aufgeregt sitzen die Kinder in den Kirchenbänken. Es ist der erste Schultag ihres Lebens, für manche von ihnen auch der erste Gottesdienst. Sie werden im Laufe des Schuljahres am römisch-katholischen Religionsunterricht teilnehmen, obwohl sie nicht getauft sind. Ihre Eltern haben sie aus den unterschiedlichsten Gründen angemeldet. Karl Asamer, Religionsinspektor für Pflichtschulen in der Diözese Linz, ist jedoch überzeugt, dass Eltern prinzipiell Vertrauen in die Arbeit der Religionslehrer/innen haben. „Und die Lehrenden freuen sich natürlich über die zunehmende Zahl der Kinder.“ Teil der Kulturgeschichte. Manche Eltern sind aus kirchenpolitischen Gründen aus der Kirche ausgetreten, andere fühlten sich vom Angebot religiöser Gemeinschaften nicht angesprochen. Ulf Harr engagierte sich als Jugendlicher bei BMX-Rennen und musste erfahren, dass sein Fehlen im Gottesdienst auf einer sogenannten Stricherlliste negativ vermerkt wurde. Obwohl er und seine Frau Friederike keiner Glaubensgemeinschaft (mehr) angehören, besucht ihr sechsjähriger Sohn den Religionsunterricht: „Religion ist ein Teil unserer Kulturgeschichte, und wir selbst können ihm die Grundkenntnisse nicht vermitteln“, sagen die Eltern, die sich auch Gedanken zur Frage Ethik- oder Religionsunterricht machen. Zum einen sollten in einer multikulturellen Gesellschaft die Grundsätze aller anerkannten Religionen vermittelt werden. Zum anderen sei Ethik ein sehr komplexes Thema für Kinder im Volksschulalter: „Das lässt sich über biblische Geschichten leichter vermitteln“, ist Ulf Harr überzeugt. Die positive Erfahrung, die Friederike Harr selbst als Kind im Religionsunterricht gemacht hat, hat ihre Entscheidung beeinflusst – „sonst hätte ich unseren Sohn nicht angemeldet.“ Beziehungsfach. Von der Art des Unterrichts ist es abhängig, wie sehr sich Kinder einbringen. Monika Wagner, Religionslehrerin in Wartberg ob der Aist, spricht mit Freude über ihr Fach, in dem sie die Beziehung zu Gott, zu Familie und Freunden und vor allem zu sich selbst vermitteln möchte. Dass manche Kinder in der Klasse nicht getauft sind, ist selten Thema. So im vergangenen Jahr, als sich zwei Achtjährige taufen ließen. „Am schönsten ist aber“, sagt Monika Wagner, „dass wir im Unterricht Zeit für die Kinder haben.“