In ihren dunkelsten Stunden fand Gertraud Kaltseis kaum die Kraft in der Früh aufzustehen. Sogar Zähne putzen war damals harte Arbeit für. Sie erzählt, wie sie ihre Depression dennoch überwunden hat.
Ausgabe: 2012/40, Burn out, Krankheit, DSA Susanne Hofer, Gertraud Kaltseis, Veranstaltung, Erste Hilfe für die Seele
Etwa 30 Jahre sind vergangen, seit sie das erste Mal mit schwerer Depression den Boden unter den Füßen verlor. Damals war sie 16 Jahre alt. Sie hat sich wieder „erfangen“, nach zehn Jahren jedoch kam ein Rückfall und bald danach ein weiterer. Seit zwölf Jahren aber lebt sie frei von Depression und das ohne Medikamente. Frau Kaltseis will mit ihrem Bericht Mut machen: Man kann es schaffen! – Zur Information und solcher Ermutigung wollen Gesprächsabende (siehe Veranstaltungen unten) beitragen.
Durch die Rat- und Informations-Veranstaltung „Erste Hilfe für die Seele bei Depression, Burnout und anderer psychischer Not“ kommen mit der KirchenZeitung im Oktober und November Fachleute aus psychosozialen Einrichtungen nach Zwettl/Rodl, Taufkirchen/Pram, Waldhausen, Gurten und Grünburg. Eine der Expert/innen dieser Abende ist DSA Susanne Hofer vom Psychosozialen Zentrum, das EXIT-sozial in Bad Leonfelden führt.
Am Anfang steht der Stress
„Es beginnt mit Stress“, schildert Susanne Hofer, wie Betroffene ins Burnout schlittern. Die Menschen reagieren verschieden. Während die einen persönliche Energie- und Kraftquellen verstärkt nutzen können, gelingt dies anderen nicht und sie beginnen auszubrennen. Das trifft nicht nur, wie man früher meinte, überwiegend helfende Berufe. Ausgebrannte gibt es in allen Berufen und bei den Hausfrauen. Burnout und Depression haben für Susanne Hofer viel gemeinsam. Bei „Depression“, so Hofer, ist man schneller Außenseiter, denn sie hat ja nichts mit erbrachter Leistung zu tun. „Burnout“ signalisiert dagegen: Ich habe viel geleistet und jetzt bin ich ausgebrannt.
Die Depressionen kamen wieder
Bei Gertraud Kaltseis ist, als sie 16 Jahre alt war, die Depression von heute auf morgen gekommen. Sie hat sich dann zehn Jahre dahingezogen. Jährlich hatte sie zweimal eine jeweils etwa zwei Wochen dauernde Krise. Darüber hatte sie wenig gesprochen. Nach zehn Jahren brach sie völlig zusammen. Sie musste in die Psychiatrie. Dort habe es nur eine Antwort gegeben: Medikamente. Nach zehn Wochen wurde sie mit der Diagnose „endogene Depression“ entlassen. Irgendwann verschwand die Depression wieder. Frau Kaltseis setzte die Medikamente ab. Das ging zehn Jahre ohne Probleme. Im Hinterkopf aber hatte sie immer die Angst: Hoffentlich kommt es nicht wieder einmal. Es kam aber wieder, ganz heftig – ein paar Monate nach der Geburt ihres Sohnes.
Grenzüberschreitungen führen zu Burnout
Betroffene merken ihre Gefährdung auszubrennen sehr spät, Angehörigen fällt früher auf, wie die Betroffenen ständig parat sind, nicht delegieren können, kontrollieren müssen ... Der Prozess läuft über Jahre, sagt Susanne Hofer. Das Ausbrennen ist eine Folge des langen Gehens über die eigene Leistungsgrenze. Körperliche Symptome treten auf: Gastritis kann so ein Zeichen sein, ein Bandscheibenvorfall auch oder Tinnitus. Mit professioneller Hilfe ist aus diesem Strudel leichter herauszukommen, denn wer die eigenen Grenzen überschreitet, merkt oft selber nicht, was er braucht.
„Depression – das ist schwer zu beschreiben: das Gefühl, die Ohnmacht. Es ist wie in einem finsteren Tunnel, ganz weit hinten sieht man einen Funken Licht.“
„Was mir geholfen hat, war mein Glaube. Der ließ mich durchhalten.“
„Und dann das unbeschreibliche Gefühl, als die Freude wiederkam. Da sind mir die Tränen heruntergelaufen. Es war eine große Dankbarkeit.“
Gertraud Kaltseis arbeitet als Peer-Beraterin bei invita, Caritas
Burnout
Eine Skala beschreibt zwölf Stadien von Burnout: 1. Begeistert arbeiten mit erhöhten Erwartungen an sich selbst. 2. Freiwillig mehr arbeiten. 3. Mehr Kaffee und Aufputschmittel konsumieren. 4. Termine werden vergessen und Hobbys aufgegeben. 5. Meidung privater Kontakte, die als belastend empfunden werden. 6. Gefühl mangelnder Anerkennung. 7. (Ab dem siebten Stadium sind die Symptome krankheitswertig.) Orientierungs- und Hoffnungslosigkeit. 8. Selbstmitleid, Einsamkeit. 9. Verlust des Gefühls für die eigene Persönlichkeit. 10. Negative Einstellung zum Leben, Panikattacken. 11. Depression und Erschöpfung. 12. Lebensgefährliche geistige, körperliche und emotionale Erschöpfung, Suizidgefahr.
Was hilft?
Nahestehende Menschen sollen auffällige Veränderungen ansprechen. Dies ist nicht immer leicht, denn bei Betroffenen kommt es oft als Kritik an. Aber Gespräch und im Gespräch bleiben ist wichtig. Betroffene können über eine Freude-Belastungs-Bilanz frühzeitig erste Anzeichen wahrnehmen. Bewegung und frische Luft, Struktur in den Alltag bringen – dazu raten alle Expert/innen.
Veranstaltungen
Pro mente OÖ, EXIT-sozial, ARCUS Sozialnetzwerk, invita Caritas, TelefonSeelsorge, BEZIEHUNG.LEBEN.AT, Behindertenseelsorge, No Limits und KirchenZeitung laden ein zu fünf „Erste Hilfe für die Seele“-Veranstaltungen mit Expert/innen und Betroffenen: