Die EU hat den Friedesnobelpreis verliehen bekommen. Die Ehrung sollte als Weckruf und nicht als Ruhekissen verstanden werden. Ein Kommentar von Hans Baumgartner.
Bei den einen löste sie Freude aus, auch ein kurzes Aufatmen zwischen Krisensitzungen, bei den anderen Enttäuschung oder Kopfschütteln – die Entscheidung des Norwegischen Nobel-Komitees, den Friedensnobelpreis 2012 an die Europäische Union zu vergeben. Das Argument, dass es sich hier um eine „politische Entscheidung“ handle, um der seit der Wirtschafts- und Finanzkrise arg gebeutelten Gemeinschaft Rückenwind zu geben, hat was für sich. Aber der Friedensnobelpreis wurde nicht zum ersten Mal – und hoffentlich nicht zum letzten Mal – an jemanden vergeben, der noch kein „abgeschlossenes“ Friedenswerk vorzuweisen hat, sondern mitten im Ringen darum steht.
Friedensnobelpreis ist kein Ruhekissen
Was der Friedensnobelpreis daher sicherlich nicht sein will, ist ein bequemes Ruhekissen. Dass er vom Nobel-Komitee eines Landes vergeben wurde, das nicht zur EU gehört, sollte als Weckruf verstanden werden. Als Weckruf, dass es der Welt nicht egal ist, wie es diesem Projekt einer Union europäischer Völker und Länder geht. Und als Weckruf, sich in Erinnerung zu rufen, was die Gründungsväter der Europäischen (Wirtschafts-)Gemeinschaft zum Ziel hatten. Aus christlicher Verantwortung sind sie über alte Schatten gesprungen und haben unter dem Risiko, politisch dafür abgestraft zu werden, das größte und nachhaltigste Friedens- und Versöhnungsprojekt auf diesem von Kriegen zerrütteten Kontinent gewagt. Heute sind die Herausforderungen andere: neue Nationalismen, die Attacken der Finanzmärkte, die grundlegende Frage „welches Wachstum“ brauchen und wollen wir, oder die Ausgrenzung einer großen Zahl von Jugendlichen am Arbeitsmarkt. Es geht um mehr Solidarität und Gerechtigkeit als Wegbereiterinnen eines inneren Friedens in Europa.