Es gibt die Dinge, die sich erst im langen Beisammensein und im Immer-wieder-Erschließen, im langen Dasein öffnen. Ein Leitartikel von Matthäus Fellinger
Ausgabe: 2012/44, Leitartikel, Fellinger, Rom, Paris, Wien, Fernreisende, Glück, Kirche
Ein paar Stunden in Wien, ein paar in Paris, auch für Rom bleibt noch Zeit. Und im nächsten Jahr dann Amerika. Irgendwann wird man sich die Bilder in Ruhe ansehen. Moderne Fernreisende sind es. In ihren Pässen sind viele Stempel. Überall sind sie gewesen – und immer wieder gleich fort. Es gibt Menschen, die leben wie solche Reisende. Bei nichts und nirgends halten sie sich auf – sonst bliebe zu wenig Zeit für das Nächste. Immer droht das Versäumen. Man muss nicht überall gewesen sein, man muss nicht alles erlebt oder selbst gekostet haben. Solche Lebensart ist zu vorschnell als „altmodisch“ abgestempelt worden. Doch es gibt die Dinge, die sich erst im langen Beisammensein und im Immer-wieder-Erschließen, im langen Dasein öffnen. Die Nähe ist es, die verbindet. Man findet das Glück weniger im immer Neuen, wohl eher im immer neuen Entdecken des schon Bekannten. Ein so abgegriffenes Wort wie Treue steht dafür. Auch die Kirche hat viel zu tun, dass ihre Seelsorge sich nicht nur mehr im Vorübergehen ereignet, sondern in wirklicher Einkehr. Im Dasein also. Allerheiligen: Dieser Mensch hier: Mein Heiliger, den Gott mir an den Weg gestellt hat. Ein Christ ist einer, der sich aufhalten lässt.