„Mit den Menschen sprechen, statt nur auf Gesetze zu verweisen“
Warum er die Forderungen der Reformbewegungen in der katholischen Kirche versteht, wo er Auswege aus der Wirtschaftskrise sieht und was er sich zu seinem 80. Geburtstag wünscht, verriet Bischof Maximilian Aichern der KirchenZeitung.
„Älter werden ist ein Geschenk“, haben Sie zu Beginn Ihres 80. Lebensjahres in einem KirchenZeitungs-Interview gemeint. Freuen Sie sich auf den 80. Geburtstag? Maximilian Aichern: Für mich hatte der Namenstag stets eine größere Bedeutung als der Geburtstag, der ja sehr mit dem Weihnachtsfest zusammenfällt. Aber wenn man 80 Jahre alt wird, ist das sicher ein Grund, Gott zu danken für sein Leben, und mit den Menschen, den Mitbrüdern und Mitschwestern zu feiern.
Nach wie vor sind Sie in der Diözese viel unterwegs, regelmäßig halten Sie Gottesdienste in der Pfarre Christkönig. Begegnen Ihnen die Menschen anders als in der Zeit als amtierender Bischof? Sie begegnen mir keineswegs anders. Ich habe auch als amtierender Bischof bei zahlreichen Pfarrbesuchen und vielen anderen Zusammenkünften sehr viele Menschen getroffen und offene Gespräche geführt. Bei diesen Begegnungen auf Augenhöhe mit den Menschen lernt man manches, was man sonst nicht bekommt. Wenn man mit Rücksicht auch auf die heutige Zeit mit den Menschen spricht, statt nur auf Gesetze zu verweisen, dann trauen sie sich auch offen zu reden.
Sie nehmen natürlich auch die Spannungen wahr, die es in der Kirche gibt. Können Sie die Anliegen und Forderungen der Reformbewegungen verstehen? Ich kann die Anliegen persönlich sehr gut verstehen und sie liegen ja schon lange in der Luft. Schon vor mehr als zehn Jahren haben wir bei der österreichischen Delegierten- und Dialogtagung in Salzburg mit Blick auf die Zeichen der Zeit, wie es Papst Johannes XXIII. formulierte, vieles durchbesprochen und nach Rom weitergereicht und dort auch beim nächstfolgenden Ad limina-Besuch im Jahr 1999 besprochen.
Wie sollte die Kirche mit diesen Spannungen umgehen? Notwendig sind das ständige Gespräch, der Dialog in einem brüderlich-schwesterlichen Geist und das gegenseitige Ernstnehmen. Wir müssen uns gemeinsam auf die Grundlage der Botschaft Jesu und der Erfordernisse der Zeit besinnen. So hat es ja damals Papst Johannes XXIII. gewollt. Dabei sind für manche Fragen sicher verstärkte Kontakte und Entscheidungen auf der Ebene der Weltkirche notwendig. Es sollte aber auch die Möglichkeit von regionalen Lösungen geben, wie es ja das Vatikanische Konzil etwa bezüglich mancher liturgischer Erneuerung festgelegt hat. In der Liturgiekonstitution (22, 36, 128) ist das ausdrücklich angesprochen.
In Österreich, aber auch in ganz Europa, gibt es zunehmende soziale und politische Spannungen. Sind Sie besorgt? Wirtschafts- und Finanzkrise haben sicher ihre Auswirkungen. Ich meine aber, dass verstärktes solidarisches Denken, echte Sozialpartnerschaft und gelebte Demokratie zu Lösungen und besseren Wegen führen können. Wichtig sind die Würde jedes Menschen, dass er die Mitte von Wirtschaft und Gesellschaft bleibt, das Bemühen um Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung und wirksame Maßnahmen, dass die Kluft zwischen Arm und Reich – bei uns und weltweit – nicht weiter wächst, sondern kleiner wird.
Wenn Sie zum Achtziger einen Wunsch an unsere Leser/innen formulieren würden, wäre dies? Ich möchte einladen, in ähnlicher Weise wie es der selige Papst Johannes Paul II. bei einem Österreichbesuch gesagt hat: Lasst euch die Freude am Menschsein und Christsein durch nichts nehmen! Ich wünsche allen einen lebendigen, frohen Glauben, besonders auch den Familien und der Jugend, einen Glauben, der sich in der Gestaltung des persönlichen Lebens und der Gesellschaft verwirklicht.
Am 26. Dezember 2012 vollendet Bischof em. Maximilian Aichern OSB sein 80. Lebensjahr. Bereits am Samstag, 22. Dezember, feiert die Diözese Linz um 14.30 Uhr mit dem Jubilar einen Dankgottesdienst in der Pfarre Linz-Christkönig (Friedenskirche).
Maximilian Aichern
Maximilian Aichern wurde am 26. Dezember 1932 in Wien geboren. Am 9. Juli 1959 wurde er in Subiaco, Rom, zum Priester geweiht. Ab 1964 war Aichern Abtkoadjutor, ab 1977 Abt der Benediktiner von St. Lambrecht. Von 1978 bis 1981 war Aichern auch Abtpräses der Österreichischen Benediktinerkongregation. Am 15. Dezember 1981 ernannte ihn Papst Johannes Paul II. zum Bischof von Linz. Bischofsweihe war am 17. Jänner 1982. Das soziale Profil der Kirchen Österreichs prägte er entscheidend mit. Am 18. September 2005 folgte ihm Bischof Dr. Ludwig Schwarz als Diözesanbischof nach. Aicherns Wahlspruch als Bischof lautet „In Liebe dienen“.