Linz/Kremsmünster. „Wir haben es gewusst – und wir haben es nicht gewusst!“ Auf diesen Punkt brachte der Innsbrucker Psychologe Univ.Prof. Josef Aigner die Frage, wie der jahrelange Missbrauch am Stiftsgymnasium Kremsmünster so lange im Verborgenen bleiben konnte.
Von 1963 bis 1971 war er selbst Internatsschüler dort. Viele hätten sich nicht getraut, etwas zu sagen. Über Sexualität wäre nicht gesprochen worden. Auf private Initiative vor allem von ehemaligen Kremsmünsterern fand am 21. März im Wissensturm Linz ein Studientag zur „Causa Kremsmünster“ statt.
Die Gerichtsgutachterin Heidi Kastner sieht Missbrauch in geschlossenen Systemen begünstigt. Der Zölibat begünstige als solcher ihrer Ansicht nach Missbrauch nicht. Auch homosexuelle Neigung oder Pädophilie allein mache die Menschen noch nicht zu Tätern. Allerdings gebe es Systeme, die Missbrauch begünstigen, weil sie die Gelegenheit zum Missbrauch bieten. Viele Täter verhielten sich völlig unauffällig, gelten sogar als äußerst liebenswürdig.
Transparenz, Wissen und Aufklärung seien wichtige Schutzmaßnahmen, die Missbrauch verhindern können, wurde deutlich. Als Vertreter des Stiftes Kremsmünster stellte sich P. Maximilian Bergmayr der Diskussion. Er war selbst von 1978 bis 1986 im Internat. Als 2010 die Missbräuche bekannt wurden, sei das für ihn ein richtiger Schock gewesen. Er äußerte die Hoffnung, dass trotz allem, was geschehen ist, Vertrauen doch wieder wachsen kann.
Das Stift Kremsmünster hat das Münchner Institut für Praxisforschung, das auch mit den Missbrauchsfällen im deutschen Kloster Ettal befasst war, beauftragt, die Vorfälle seit dem Jahr 1945 zu erforschen und Empfehlungen auszuarbeiten. Die Ergebnisse werden veröffentlicht.