„Es gibt keinen jüdischen Wohnbezirk in Warschau mehr.“ So hatte Kommandant SS-General Stroop die Niederschlagung des Aufstandes im Warschauer Ghetto kommentiert. Er meldete: „Gesamtzahl der erfassten und nachweislich vernichteten Juden beträgt insgesamt 56.065.“
Am 19. April 1943 drang die SS ins Ghetto ein, um die jüdischen Bewohner/innen zu deportieren. Diese aber waren vorbereitet und leisteten Widerstand – bis 16. Mai. – Am Ende brannten die deutschen Besatzer das gesamte Ghetto nieder. &nb
Gedenken, versöhnen
Wir stellten in Oberösterreich lebenden Mitbürgern mit polnischer Herkunft Fragen zur Gedenkkultur in Polen und dazu, welche Lehre die Kirche Polens aus dieser Zeit gezogen hat.
Thomas Mazur, Pfarrer in Linz-Hl. Geist, erlebte als 1968 Geborener jährliche Gedenkfeiern zum Warschauer Aufstand. „In den 1980 er Jahren hörte man immer öfter etwas über den Aufstand im Warschauer Ghetto. In meiner Geburtsstadt Sosnowiec war das Begehen solcher Gedächtnisse Schwerpunkt in der Mittelschule. In der Gesellschaft jedoch spürte ich einen salonfähigen, antisemitischen Unterton, der jedoch niemals gewaltbereite Züge trug.“ Ein Gefühl der Mitverantwortung der polnischen Bevölkerung für das Klima, das Voraussetzungen für manche Untaten bot, habe es nicht gegeben. Die Aufarbeitung der Mitschuld am Holocaust sei durch die Ermutigung zur Ehrlichkeit gekommen, die Papst Johannes Paul II. ausgesprochen hatte.
Der Pfarrer von der Welser Vogelweide, Slawomir Dadas, spricht auch die Rolle der Kirche in der Versöhnungsarbeit an: „Die polnische Kirche war mit der ‚deutschen Geschichte‘ gut versöhnt, nachdem die polnischen Bischöfe – unter Leitung von Kardinal Wyszynski – etwa 1965/1966 einen Brief an die deutschen Bischöfe formuliert haben.“ Er hatte sinngemäß das Motto: „Wir vergeben und bitten um Vergebung“. Damals habe es einen Aufschrei gegeben, mit der Zeit hätten die Menschen aber verstanden, dass der Krieg auch Schuld mit sich bringe.
Sensible Reaktionen
Pfarrer Dadas erinnert sich, dass es in seiner Jugend einen „starken Kult“ des Kampfes gegen alle Besatzungsmächte gegeben habe. Auch übers Warschauer Ghetto wurden Dokumentarfilme gezeigt. Die NS-Besetzung sei bis heute in einigen Kreisen der Bevölkerung Polens sehr präsent. Man reagiere sensibel, wenn es sprachliche Verkürzungen gibt. So bestehen die Polen darauf, dass nicht von „polnischen Konzentrationslagern“ die Rede ist, sondern von „NS-Konzentrationslagern in Polen“.
Erinnern
Als Krzysztof Sieranskis jung war – der heute im Magistrat Linz Beschäftigte wurde 1965 geboren –, wurde das Opfergedenken sehr gepflegt. „Gleichzeitig muss ich sagen, dass gewisse historische Ereignisse von den kommunistischen Machthabern bis 1989 als Tabu-Themen galten (Katyn – Mord der Sowjets an polnischen Offizieren, Stalins Anschlag auf Polen am 17. September 1939, der Warschauer Aufstand 1944 und teilweise der Aufstand im Warschauer Ghetto 1943). Die katholische Kirche bot den Rahmen, sich dieser historischer Geschehnisse zu erinnern.“ In seiner kleinen Stadt Laskarzew, 60 Kilometer südlich von Warschau, hat er von jüdischen Einwohnern gehört, von denen es nach dem Krieg keine mehr gab, die vor dem Krieg aber ca. 40 Prozent der Bevölkerung der Stadt bildeten. Die meisten von ihnen wurden in Treblinka ermordet. „Den einzigen Überlebenden habe ich später ab und zu getroffen, meistens im Pfarrhof bei meinem Pfarrer.“ Auch in Laskarzew existierte während der NS-Besatzung ein Ghetto. In der Stadt wurde ein Mahnmal für die Opfer des Holocaust aus Laskarzew errichtet. „Dort steht eine schöne Inschrift ‚Möge mein Kopf ein Meer der Tränen sein. Ich werde die Gefallenen meines Volkes beklagen.“