Solidarität mit Berufskollegen überbrückt Jahrhunderte: Ennser Ärzte finanzierten die Erneuerung der Grabtafeln von Ärzten der Barockzeit, die Brauerei Enns bezahlte die Renovierung der Grabsteine von Braumeistern.
„Jeder einzelne der 15 Grabsteine gibt Einblick in das Leben von Persönlichkeiten aus Enns“, freut sich Mag. Otto Winkler über die gelungene Renovierung der barocken Grabsteine in der Lorcher Basilika. Als Kustos der Kirche initiierte er die Erneuerung der kulturhistorisch und künstlerisch wertvollen Denkmäler durch ein kluges Spendenprojekt: Er bat Ennser, die einen ähnlichen Beruf ausüben wie die auf den Grabtafeln verewigten Personen, um ihre finanzielle Unterstützung. Dank des Geschichtsbewusstseins der Bewohner der ältesten Stadt Österreichs ging die Rechnung auf.
Tabakqualm verbindet
Nur beim Grabmal eines Tabakfabrikanten wäre die Suche nach einem Paten beinahe fehlgeschlagen, erzählt Winkler schmunzelnd. Er fragte bei einem ehemaligen Kettenraucher an, der vor Jahren von einem Tag auf den anderen sein Laster abgelegt hatte, ob er nicht das Grab des Tabakindustriellen Irsigler erneuern lassen wolle. – Der nun abstinente Raucher musste bei der Anfrage erst einmal kräftig durchatmen – doch nun freut er sich über das gelungene Werk, zu dem er beigetragen hat.
„Die farbenfrohen Grabsteine mit den nun gut lesbaren Texten laden zu einem besinnlichen Rundgang durch die Kirche ein“, so Winkler. Und das sei ganz im Sinn der Verstorbenen. Die Denkmäler sollten den Lebenden ein Fingerzeig sein, über den eigenen Tod nachzudenken. „Steh Wanderer, lese und betracht“, ließ im 18. Jahrhundert ein Gemeindearzt in Stein meißeln, der im Alter von 39 Jahren verstorben ist. Es heißt weiter: „Der andere oft gesund gemacht, sich selbsten muss dem Tod ergeben“.
Und der 1712 verstorbene „Tabakfaktor“ Andreas Irsigler ruft den Ennsern in Erinnerung: „Geh nicht vorbei, wer immer du bist, zeig deine Treu, frag’, wer er ist, den dieser Marmor zeiget, (...) damit dir Gott gnädig ist, wenn du einst stirbst“ (freie Übertragung der Inschrift).
Schöner Leib, schönere Seele
Ein berührendes Andenken haben die Ennser der Adeligen Katharina von Stiebar bewahrt, „deren schönen Leib der Schöpfer mit einer noch schöneren Seele geziert hat“. Durch Klugheit, Leutseligkeit und Hilfsbereitschaft gewann sie die Herzen, sodass alle ihrem allzu frühen Tod nachweinten, erzählt die Grab-inschrift.
Die Grabsteine erinnern an zwei Braumeister, an eine Braumeistergattin, an drei Ärzte sowie an Adelige und an Angestellte des Schlosses Ennsegg. Für den Kus-tos Winkler ist die Renovierung ein Akt der Pietät und zugleich eine in Stein gehauene Glaubens-unterweisung: „Die Denkmäler sollen die Hoffnung auf eine fröhliche Auferstehung lebendig halten.“
Am Mittwoch, 4. April, um 15 Uhr (Basilika Enns-Lorch) bringt Otto Winkler in einer Sonderführung „die Steine zum Sprechen“. Eintritt frei.