BRIEF_KASTEN
Ihr Mann habe einen toten Goldfisch im Garten entdeckt, begann sie letzte Woche unsere Unterhaltung. Sofort musste ich an unsere Katze Isabella denken. Ihr Beuteschema umfasst alles, was kleiner oder gleich groß ist wie sie selbst. Wenn wir schimpfen, schaut sie uns mit eisigem Blick an: „Habt ihr nicht gewusst, dass ich ein Raubtier bin?“, scheint sie zu denken. Vor ein paar Wochen setzte sie provokant eins drauf, als sie am helllichten Tag mit einem Vogel im Maul durch die Straße gelaufen kam. Sie, eine Mörderin ohne Anflug von schlechtem Gewissen, und ich, ihr stiller Komplize, der klammheimlich, mit Gesichtsmaske vermummt, die Leichen in der Biotonne entsorgt. „Aber es war gar nicht unser Goldfisch, der ist dann doch wieder quicklebendig im Teich aufgetaucht“, unterbricht die Nachbarin meine Gedanken.
Das ist jetzt zwar kein Freispruch für Isabella, doch heißt es nicht „im Zweifel für die Angeklagte“? Das Geständnis kann jedenfalls warten. Immerhin gibt es in der Nachbarschaft viele Katzen und somit viele potenzielle Mörderinnen. Irgendwie ein beruhigender Gedanke.
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