BRIEF_KASTEN
„Ein Krügerl bitte“, bestellt der Gast – und ist verwundert, wenn ihm daraufhin der Wirt das Glas auf den Tisch stellt. Leer. Ohne Inhalt. Exakt nach Bestellung. Dass gemeinsames Leben nicht funktioniert, wenn sich Menschen nicht nach Regeln verhalten, ist eine Grunderfahrung. Religionen haben dafür Sorge getragen – und tun dies bis heute. Zunehmend mehr Menschen verstehen sich als religionslos – ohne konkretes Bekenntnis, wie sie von sich selbst sagen. Dass es dennoch Grundübereinkünfte braucht, spüren auch sie. „Ethik“ muss es geben – für alle –, wird gefordert. Es gehört zu den Widersprüchlichkeiten des Zeitgeistes: Während religiös motivierte Ethik – die Moral – als überholt beiseite geschoben wird, wird einer Art religionsloser Ethik das Wort geredet. Es ist, als würde man dem Gast ein leeres Glas vorsetzen. Nur das Gefäß nämlich – aber mit nichts drin – oder gar mit einem schädlichen Getränk. Auch Gift wird in Bechern gereicht. Dass ein Mensch zugunsten des Nächsten handeln soll – womit wäre es begründbar? Schützen Gesetze ausreichend? Ein volles Glas also – und zwar mit gutem, erfrischendem Inhalt: Das wäre ein Gutsein, weil ich dem anderen von Herzen her Gutes will – und weil mir an ihm gelegen ist. Glas und Krug braucht es, damit das Gute nicht verschüttet wird. Doch erst der Inhalt stillt den Durst.
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