BRIEF_KASTEN
Meine Großtanten und Tanten waren und sind leidenschaftliche Begrüßungsküsserinnen. Vor allem eine Tante lief dabei zur Höchstform auf. Kaum hatte sie das Haus betreten, näherte sie sich uns Kindern mit weit geöffneten Armen. Wer nicht rechtzeitig davonrannte, wurde geherzt. Sie hinterließ dabei einen feuchten, manchmal rot gefärbten Abdruck, den wir uns verstohlen von den Wangen wischten. Aber ihr Parfüm begleitete uns bis zum Schlafengehen.
Es kam die Zeit, da wurde ich selbst Tante. Voller Glück habe ich die winzigen Nichten und Neffen im Arm gehalten und mit einem Busserl aufs Kopferl bedacht, später mit Busserl aufs Wangerl. Ich durfte das, ich war ja schließlich die liebe Tant’! Eines Tages sah ich aus dem Augenwinkel ein verstohlenes Wischen ...
Ich küsse jetzt nicht mehr. Zumindest nicht als Tante. Ich leiste Widerstand gegen die Tradition und hoffe gleichzeitig und inständig auf eine neue – den freiwilligen Nichten- und Neffenkuss.
BRIEF_KASTEN
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