In der Reihe Kunst & Geschichte_n stellt Experte Lothar Schultes Persönlichkeiten vor, die in Kunst und Geschichte wichtige Spuren in Oberösterreich hinterlassen haben.
Die abschlossene Reihe "alt & kostbar" finden sie hier.
Die Landes-Heil- und Pflegeanstalt Mauer-Öhling galt bei ihrer Eröffnung im Jahr 1902 als das modernste psychiatrische Krankenhaus der Monarchie. Alles war modern: die Pavillonbauweise, die „Offen-Tür-Behandlung“ und auch der Baustil. Das Klinikum ist eine einzigartige Jugendstilanlage. Selbstverständlich wurde in diesem Stil auch die Anstaltskirche errichtet. Und damit der Modernität noch nicht genug: Die Kirche ist ein Teil des dreiteiligen Gesellschaftshauses, das aus Foyer, Festsaal und Sakralraum besteht. Veranstaltungs- und Sakralbereich sind aber nicht baulich getrennt, sondern durch einen Durchgang – in der Größe eines Portals – an der Stirnseite des Saals verbunden. So ist um 1900 ein Raumkonzept entstanden, das für diese Zeit außergewöhnlich war. Wird Gottesdienst gehalten, hat der Saal die Funktion eines Kirchenschiffs. Will man den Raum für profane Feiern nutzen, kann man mit einem Rollbalken den Altarraum schließen.
Durch diese flexiblen Gestaltungsmöglichkeiten ist der Begriff Anstaltskirche – wie sie genannt wird – nicht ganz zutreffend. Denn den eigentlichen Sakralbereich bildet lediglich der Altarraum, in dem sich auch einige Sitzbänke befinden. Die Bezeichnung Kapelle ist ebenso passend. Wie auch immer man diesen sakralen Raum nennen mag, es ist ein beeindruckendes Jugendstilensemble.
Betritt man den Kapellenraum, fällt der Blick auf den Tabernakel, der die Altarwand dominiert. Er ist aus weißem Marmor, ausgestattet mit edlem Jugendstildekor, wie es im neuen zur Landesausstellung verfassten Kirchenführer heißt (weitere Informationen sind ebenfalls der Broschüre von Johann Kronbichler entnommen). Die beiden Hufeisenbögen, die den Kapellenraum gliedern, und das Kreissegment, in das der Altar und die darüberliegenden Wandgemälde eingeschrieben sind, lenken den Blick auf den Tabernakel. Mit der goldenen Scheibe, die die Tabernakeltüren ziert, wird das Symbol des Kreises, das den Raum prägt, aufgenommen. Sie weist den Tabernakel als Zentrum aus, auf den die Architektur von Altarraum und vorgelagertem Festsaal zuläuft.
Das qualitätsvolle Wandgemälde von Hans Tichy zeigt (in der Mitte) die thronende Gottesmutter und das segnende Jesuskind. Links vor ihr kniet der hl. Leopold, der Landespatron von Niederösterreich. Ihm ist die Anstaltskirche geweiht. Links dahinter steht der hl. Franziskus und rechts der hl. Josef. Unzweifelhaft wurden diese Heiligen wegen ihrer Beziehung zum damals regierenden Kaiser Franz Joseph dargestellt: Sie sind seine Namenspatrone. Auch wenn die heilige Elisabeth (rechts vorne) als Patronin der Spitäler gilt und sich selbst im Dienst an den Kranken aufgezehrt hat, weist sie das Gemälde ebenso als Namenspatronin von Kaiserin Elisabeth „Sissi“ aus. Zwischen den beiden Hufeisen-Bogenfeldern befinden sich im oberen Bereich vier Fenster, die Engel in leuchtenden Farben zeigen. Es handelt sich vermutlich um die Erzengel Michael, Gabriel, Raphael und Uriel. Die Darstellungen sind auf beiden Seiten ident.
Zwei Weihwasserbecken sind ebenfalls schöne Jugendstilarbeiten, ebenso wie die Fußbodenfliesen. Wer ohne Hast und mit offenen Augen durch und um das Gesellschaftshaus geht, wird sich freuen, wie viel Schönes es dabei zu entdecken gibt.
Die NÖ Landesausstellung im Klinikum Mauer steht unter dem Thema „Wenn die Welt Kopf steht. Mensch. Psyche. Gesundheit“ und ist bis
8. November täglich geöffnet
In der Reihe Kunst & Geschichte_n stellt Experte Lothar Schultes Persönlichkeiten vor, die in Kunst und Geschichte wichtige Spuren in Oberösterreich hinterlassen haben.
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