In der Reihe Kunst & Geschichte_n stellt Experte Lothar Schultes Persönlichkeiten vor, die in Kunst und Geschichte wichtige Spuren in Oberösterreich hinterlassen haben.
Die abschlossene Reihe "alt & kostbar" finden sie hier.
Bei genauem Hinsehen erweisen sich vermeintliche Fakten oft als Fiktionen. Dort, wo angeblich der Hof des Bauernkriegs-Anführers Stefan Fadinger stand, fand eine Grabung: nichts. Dem Bauernkrieg zugeschriebene, im Landesmuseum gelagerte Waffen stammen nach Materialanalysen nicht aus dieser Zeit. Bei Flugschriften mit der Jahreszahl 1626 ist nicht sicher, ob sie tatsächlich zeitgenössisch sind.
Kann man mit dieser Ausgangslage überhaupt eine Ausstellung machen? Allerdings! Denn erstens gibt es trotz allem genügend aussagekräftige Fakten über Vorgeschichte und Gründe des Bauernkriegs 1626, aber auch über seine Vereinnahmung im 20. Jahrhundert. Und zweitens gelingt es der von Konstantin Ferihumer kuratierten Ausstellung, Unsicherheiten und Lücken fruchtbar zu machen – und Brücken in die Gegenwart zu schlagen.
Da sind zunächst verblüffende Parallelen: Klimaveränderungen, Inflation, Aberglaube (heute in der Form der Verschwörungstheorien) gibt es heute ebenso wie im 17. Jahrhundert. Dazu kommt, dass sich die Frage, wie Vergangenes erinnert (und missbraucht) wird, gerade im Zeitalter der künstlichen Intelligenz auf überdeutliche Art zeigt. Das Einführungsvideo zur Ausstellung thematisiert dies auf verständliche und eingängige Weise.
Dazu kommt, dass es wichtig ist, die Lücken zu kennen – also zu wissen, dass man kein vollständiges Bild hat. Auf schlüssige Weise zeigt die Ausstellung, dass rund 92 Prozent der Bevölkerung (eben die Landbevölkerung, aus der sich die Aufständischen des Bauernkriegs rekrutierten) nicht nur politisch damals stimmlos waren, sondern auch der Nachwelt wenig greifbar sind. Sichtbar wird das in der Gegenüberstellung von Gemäldeporträts der Oberschicht und nur fünf Knöpfen aus Horn: Diese wurden im Zuge des Kraftwerksbaus in Lambach in einem Massengrab aus der Bauernkriegszeit gefunden.
Alfred Weidinger, Geschäftsführer der OÖ Landes-Kultur GmbH, erinnerte bei der Präsentation unter anderem an eine Gruppe, die in der Erinnerung kaum vorkommt: die Frauen. Aber er kündigte gleichzeitig an, dass seine Einrichtung im Laufe des Jahres durch Forschung zumindest etwas mehr Licht in die im Dunklen liegenden Bereiche der Bauernkriegsgeschichte bringen will. So tauchte im Stift Kremsmünster ein Text auf, wonach Frauen aus dem Ort andere Frauen aus der Umgebung davor warnten, sich den Rebellen anzuschließen. Und im Archiv des Stiftes Schlägl befindet sich ein noch nicht ausreichend untersuchter detaillierter Bericht über das Verhalten der Rebellen dort. Dies und anderes soll in einer Publikation im Herbst dargestellt werden.
Deutlich dokumentiert aber schon die Ausstellung die Vereinnahmung des Bauernkriegsgedenkens durch deutschvölkische und nationalsozialistische Geschichtspolitik im 20. Jahrhundert. Das ist deswegen wichtig, weil das teilweise bis heute Spuren hinterlassen hat. So ist zum Beispiel ein Teil der Bauernkriegsgedenkstätten im Land durch ihre ideologisch motivierte (Um-)Gestaltung in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts belastet.
Ein eigener Raum widmet sich der Geschichtsvermittlung an Kinder, Schulklassen, aber durchaus auch erwachsene Besucher. Unterm Strich ist den Verantwortlichen eine Schau gelungen, die neugierig macht, nach Wahrhaftigkeit strebt und Brücken zur Gegenwart schlägt – eben der „lebendige Dialog“, von dem Landeshauptmann Thomas Stelzer bei der Präsentation sprach. Damit gelang der Beweis, dass es gerade im Zeitalter der virtuellen Realität sinnvoll ist, eine Präsenzausstellung zu machen – und zu besuchen.
Schlossmuseum Linz, 9. 5. 2026 bis 7. 1. 2027, von Dienstag bis Sonntag sowie an Feiertagen geöffnet von 10 bis 18 Uhr.
In der Reihe Kunst & Geschichte_n stellt Experte Lothar Schultes Persönlichkeiten vor, die in Kunst und Geschichte wichtige Spuren in Oberösterreich hinterlassen haben.
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