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Kriege, Inflation und soziale Unsicherheiten belasten viele Menschen heute sehr. Wie kann es gelingen, in so einer unruhigen Welt trotzdem gut zu leben?
Alfried Längle: Diese Herausforderungen sind so alt wie die Menschheit selbst. Wir hatten in Österreich das Glück, jahrzehntelang im Frieden zu leben. Die Sinnfrage stellt sich gerade dann, wenn das Leben kein Wunschkonzert ist. Es geht darum, unter realen, oft belastenden Bedingungen noch etwas Wertvolles zu entdecken, zu erleben oder selbst zu tun. Das ist oft nicht das Ideale. Aber irgendetwas Gutes findet man immer. Das erfordert manchmal Bescheidenheit. Wir müssen lernen, uns mit dem Wenigen zu begnügen, das möglich ist. Auch darin kann man das Schöpferische entdecken.
Wie gelangt man konkret zu solch einer Haltung?
Längle: Indem wir uns – wie Viktor Frankl gelehrt hat – darauf einlassen, uns vom Leben anfragen zu lassen. Sinn ist keine Einbahnstraße unserer Wünsche; wir müssen uns der Situation öffnen und fragen: Was braucht das Leben jetzt von mir? Was will die Situation von mir, wenn es finanziell eng wird oder ich beispielsweise mit einer schweren Krebserkrankung leben muss? Diese Akzeptanz der Realität bedeutet kein passives Aufgeben, sondern einen Neuanfang unter veränderten Bedingungen.
Welche Rolle spielen andere Menschen auf diesem Weg?
Längle: Wir brauchen Beziehungen, Liebe und Verständnis, um wirklich wir selbst zu werden. Menschen finden Sinn, wenn sie anderen helfen. Geteiltes Leid ist halbes Leid. Doch wir sind nicht vollkommen abhängig. Wir können auch in der Stille mit uns selbst, in der Meditation oder im Gebet eine tiefe Kraftquelle finden.
Sie sprechen offen über Religion, was für die Psychotherapie ungewöhnlich ist. Welche Bedeutung hat Religion für Sie?
Längle: Für mich ist die Religion die älteste Quelle, die Menschen seit Jahrtausenden haben, um Kraft, Sinn, Hoffnung und Zuversicht zu schöpfen. Ein gelebter Glaube schenkt einen wunderbaren Zugang zur Vertiefung des Lebens. Religion ist dann hilfreich, wenn wir den Inhalt der Religion als wertvoll erleben – nicht, wenn sie nur als Pflicht verstanden wird, etwa als Sonntagspflicht.
Allerdings dürfen Therapeut:innen Religion niemals als Heilmittel missbrauchen. Das wäre eine Reduktion. Religion entfaltet ihre heilsame Kraft nur, wenn sie in ihrem unschätzbaren Eigenwert gesehen, erlebt und verstanden wird, und nicht bloß wegen des Nutzens. Wie bei der Kunst oder der Musik spürt man ihre heilsame Kraft nur, wenn sie um ihrer selbst willen gelebt wird.
Doch wenn man keinen oder einen anderen Zugang zur Religion hat, kann man trotzdem ein gutes Leben haben. Es gibt einfach viele Formen, wie wir leben können.
Wie unterscheidet sich die Religion von der Psychotherapie bei der Suche nach Sinn?
Längle: Hier müssen wir zwei Begriffe ganz sauber trennen: den „Sinn des Lebens“ und den „Sinn im Leben“. Den Sinn des Lebens als großes Ganzes – also die Frage, wofür wir überhaupt auf der Welt sind und was uns im Leben und Sterben trägt – kann nur die Religion beantworten.
Psychologie und Psychotherapie hingegen suchen den Sinn im Leben. Psychotherapie unterstützt Menschen dabei, ihr Leben qualitativ zu verbessern, indem Sorgen, Belastungen und Probleme im gemeinsamen Gespräch reflektiert und geteilt werden. Ein therapeutisches Gespräch tut übrigens auch Menschen gut, die nicht krank sind.
Viele Menschen kompensieren innere Leere durch Statussymbole wie teure Autos oder Karriere. Wie kann man dem begegnen?
Längle: Es bringt nichts, den Betroffenen diese Dinge auszureden. Im Hintergrund steht immer die existenzielle Frage: Wer bin ich ohne mein großes Auto, wer bin ich ohne das Ansehen? Wenn wir diese Menschen kritisieren, drängen wir sie nur in die Verteidigung. Wenn wir sie jedoch respektieren, ebnen wir den Weg zu einem echten Dialog. Und das hilft dazu, sich selbst zu schätzen – ganz unabhängig von Besitz, Erfolg oder der Meinung anderer.
Wann wird eine Lebenskrise zu einer seelischen Erkrankung, bei der man Hilfe braucht?
Längle: Von einer psychischen Erkrankung sprechen wir, wenn ein Mensch wiederholt unfähig ist, das zu tun, was sie oder er selbst für richtig und wichtig hält.
Automatische Prozesse laufen da ab, die sich mit dem freien Willen nicht mehr steuern lassen. Bei einer Depression etwa fehlt die Energie zum Handeln, obwohl man ein schlechtes Gewissen hat.
Hält das länger an, versteht man sich selbst nicht mehr oder geben Mitmenschen entsprechende Rückmeldungen, sollte man Hilfe und professionelle Unterstützung suchen.
Ein Segen ist hier die Telefonseelsorge: Sie schenkt Menschen kostenlos und unkompliziert ein offenes Ohr, wenn sie jemanden zum Reden brauchen, und ist in Krisen rund um die Uhr erreichbar.
Der 1951 geborene Psychotherapeut und Arzt Alfried Längle prägte die Entwicklung der Psychotherapie-Schule Logotherapie und Existenzanalyse entscheidend mit. Er war Vorsitzender und Gründungsmitglied der internationalen Gesellschaft für Logotherapie und Existenzanalyse (GLE) mit Sitz in Wien, heute ist er ihr Ehrenpräsident.
Längle arbeitete eng mit dem Psychiater und Begründer der Logotherapie Viktor Frankl zusammen. Als Überlebender mehrerer Konzentrationslager betonte Frankl die Bedeutung von Sinn und innerer Freiheit für den Menschen. Logotherapie und Existenzanalyse gehen davon aus, dass Menschen in ihrem Leben einen persönlichen Sinn finden können – auch in schwierigen Situationen.
Bei der Telefonseelsorge finden alle Ratsuchenden Unterstützung und Hilfe – beim kostenlosen, vertraulichen und rund um die Uhr erreichbaren Telefonnotruf 142, beim Elterntelefon, bei der Chatberatung oder per Messenger WhatsApp.
Ursprünglich als Suizidpräventionshotline 1966 ins Leben gerufen, steht heute das Leben in all seinen Facetten im Mittelpunkt. Die Telefonseelsorge wird ökumenisch von katholischer und evangelischer Kirche getragen.
Das Jubiläum wird am 9. September mit einer Fachtagung im OÖN-Forum in Linz begangen. Alfried Längle ist einer der Referenten der Tagung. Am 10. September ist Weltsuizidpräventionstag.
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