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Von den Werten des Alters

Kirche OÖ

Bischof Manfred Scheuer wendet sich an die ältere Generation.

Ausgabe: 19/2020
05.05.2020
- Bischof Manfred Scheuer
Bischof Manfred Scheuer dankt auch für die Leistungen des Wiederaufbaus.
Bischof Manfred Scheuer dankt auch für die Leistungen des Wiederaufbaus.
© Hermann Wakolbinger

Liebe Seniorinnen, liebe Senioren!

Wir befinden uns derzeit ohne Zweifel in einer außergewöhnlichen Zeit. Ein kleines Virus treibt in der ganzen Welt sein Unwesen und schlägt uns vieles aus der Hand, was selbstverständlich schien und worauf wir glaubten ein Recht zu haben. Das Virus hat uns sehr energisch an die Zerbrechlichkeit und Verletzlichkeit unseres Lebens erinnert. Diese Verletzlichkeit hat viele Gesichter: Abgrenzung und Isolation führen in der Krise nicht selten zu quälender Einsamkeit. Wenn Angehörige der „Risikogruppe“ nicht selbständig einkaufen gehen oder Bankgeschäfte erledigen können, dann ist damit auch die Möglichkeit genommen, andere zu treffen, mit ihnen zu plaudern. Soziale Netzwerke wurden gekappt: wie die familiäre Kinderbetreuung oder die Betreuung der alten Eltern, der Oma-/Opadienst, das Zusammensein im Familien- und im Freundeskreis. Es wird uns dann aber vielleicht bewusst, wie kostbar uns die Familien, die Beziehungen und Freundschaften sind.

 

Verzicht

Auch tut es sehr weh, wenn die sozial, kulturell und kirchlich engagierten Menschen jenseits der 65 auf die Bezeichnung „Risikogruppe“ reduziert werden. Und es fehlt vielen die erfahrbare Gemeinschaft im Gebet und im Gottesdienst. Der Verzicht auf die Kommunion ist ein schmerzliches Opfer. Teilweise wird bei Hochbetagten und bei denen, die auf Hilfe angewiesen sind, das Gefühl verstärkt, eine noch größere Last für die Gesellschaft zu sein. Bestattungsrituale wurden ausgesetzt, Verabschiedungen und Begräbnisse waren nur sehr eingeschränkt möglich. Auf Dauer würde da sehr viel an Kultur und Menschlichkeit verloren gehen.
Dieser Zerbrechlichkeit und Verletzlichkeit ist nicht alleine mit vernünftigen Argumenten beizukommen; diese Gefühle müssen wahrgenommen und angesprochen werden. Eingebettet war die Corona-Pandemie in Österreich in die Fasten- und die Osterzeit. Die Botschaft von Ostern lenkt den Blick auf Zuversicht und Hoffnung. Sie spricht vom Sieg des Lebens über den Tod. Zeichen des Lebens und des Wandels zum Guten wurden auch in dieser Zeit deutlich. 
So wurde erkennbar, dass gesellschaftlich eine Wertschätzung für alte Menschen da ist, und dass die jüngere Generation bereit ist, für die ältere Generation zu sorgen und Verantwortung zu übernehmen. In den letzten Wochen hat sich sehr viel Mitmenschlichkeit gezeigt, jenseits von sozialem Stand und von politischer und religiöser Zugehörigkeit. Und vielfach hat ein Lernprozess des aufeinander Hörens zwischen Jung und Alt stattgefunden. Und auch der Humor ist nicht zu kurz gekommen. Der Humor ist wie der Humus Nährboden für ein Leben in Fülle.
„Meine Seele, vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!“, so betet der Psalmist. (Ps 103,2) Was ist in der Coronazeit an Gutem getan und geschenkt worden! Ich glaube, dass der Zusammenhalt und die Solidarität auch zwischen den Generationen eher gewachsen ist als abgenommen hat. Gerade auch in der Coronakrise haben viele alte Menschen ihre Mitmenschen beschenkt. Sie sind zum Segen für andere geworden und haben jenen Trost gespendet, die zunächst sie trösten wollten.
Vor 75 Jahren wurde Österreich von der Schreckensherrschaft des Nationalsozialismus befreit. Seit 75 Jahren können wir in unserem Land in Frieden leben. Sie, die ältere Generation, haben das Land auf den Trümmern und Ruinen des Krieges wiederaufgebaut, materiell und wirtschaftlich, aber auch sozial, kulturell und religiös. Die Grundsäulen der Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, die Grund- und Freiheitsrechte sind keine Selbstverständlichkeit, sondern müssen täglich verteidigt werden. Die nachfolgenden Generationen stehen auf Euren Schultern. Ich sage ein großes „Vergelt’s Gott“ auch für alles, was die ältere Generation in der Kirche aufgebaut hat.

 

Verzeihung

Eine Krise wie durch das Coronavirus macht auch Brüche, Unversöhntheiten, die Verletzungen und auch Scheitern im eigenen Leben und im Zusammenleben deutlich. Es braucht Kraft und Mut und Größe, um vergeben zu können. Umgekehrt stärkt Verzeihen zugleich das Selbstvertrauen und die Selbstverantwortung.
Das Alter schafft Raum für Werte, die ohne weiteres für unser ganzes Leben wichtig und kostbar sind, aber manchmal zu wenig Chance bekamen, sich zu entfalten; zum Beispiel: 
• still werden und in bewussten Kontakt mit der Quelle unseres Lebens treten;
• Muße leben, um ruhig einem Menschen zuzuhören, der uns nahesteht;
• befreit werden von einem unheiligen oder auch heiligen Zwang;
• wichtige Erinnerungen hochkommen lassen und in Ruhe auskosten;
• Beziehungen und Gemeinschaft leben, denn durch diese wird eine massive Form der Armut, die Vereinsamung, überwunden.
Das Gebet ist eine Kraft der Hoffnung und der Solidarität. Im Gebet vertrauen wir einander Gott an. Besonders bitte ich um das Gebet für die Kranken und Vereinsamten, für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Gesundheitswesen und für alle, die in diesen Tagen für das Gemeinwohl Verantwortung tragen. Beten wir füreinander. 
+ Manfred Scheuer, Bischof von Linz

 

Der Text der Botschaft von Bischof Scheuer ist hier leicht gekürzt.

Hier können Sie den gesamten Text herunterladen und nachlesen.

Die Videobotschaft finden Sie hier auf www.kirchenzeitung.at

 

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