Reinhard Macht ist ehrenamtlicher Diakon im SR Jenbach-Münster-Wiesing und Gemeindeberater in der Diözese Innsbruck.
Und was muss der einzelne Christ/die einzelne Christin beitragen?
„Christentum ist keine Philosophie, sondern eine Art zu leben.“ Ausgesprochen hat diesen Satz mein mittlerweile verstorbener Heimatpfarrer. Wendet man den Satz an, dann ist Christentum dort erlebbar, wo Menschen der Spur Jesu in Gottes- und Nächstenliebe, in ihrer Einstellung und in ihrem Handeln folgen. Zentral ist Jesu Endzeitrede bei Matthäus (25,35–36):
„Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen.“
Das sind konkrete Taten. Da geht es um das Leben als Christin und Christ. Gespeist wird dieses Leben aus dem frohmachenden Glauben, selbst bei Gott immer wieder neu Vergebung und Aufnahme zu erfahren. Christinnen und Christen verkünden diese Botschaft weniger durch Worte als durch Taten (vgl. auch Mt 21,28–32).
Eine christliche Kirche muss das verwirklichen, fördern und den Beistand Gottes durch die Sakramente spürbar machen. Deshalb bilden jene, die sich bemühen, entsprechend der Lehre Christi zu leben, gemeinsam mit Christus (vgl. Mt 18,20) die christliche Kirche.
Damit hat sie auch einen konkreten Ort bei den Menschen. Kirche gibt es ohnehin nur „um der Menschen willen“, kann man in Anspielung an die Diözesansynode in Oberösterreich sagen.
Insofern legt das Kirchenrecht (Codex des Kanonischen Rechtes) falsche Schwerpunkte, wenn es die Gläubigen insgesamt und die Laien kurz abhandelt, aber umfangreich und detailliert die Hierarchie beschreibt.
In einem Interview mit katholisch.de sagte der Freiburger Kirchenrechtler Georg Bier: „Die Kirche müsste dazu kommen, den Gläubigen zu vertrauen, ihren Charismen, dem, was sie einbringen können. Wenn das geschähe, kämen wir weg von einem ausschließlich klerikal dominierten hierarchischen System.
Aber während ich das sage, weiß ich als Kanonist (Kirchenrechtler, Anm.) natürlich, dass eben diese kirchliche Struktur lehramtlich nicht bloß als zufällige Entwicklung gilt, sondern als gottgewollt. Von daher ist es utopisch, hier einen Neuanfang zu erwarten.“
Man darf aber zu Recht fragen, ob es zum Beispiel gottgewollt war, dass Frauen erst seit 2021 offiziell den Lektorendienst übernehmen dürfen. Wir täten gut daran, mit Blick auf das zweite Gebot das Wort „gottgewollt“ viel sparsamer zu verwenden.
Vor allem bleibt eine Tatsache: Es kommt nicht auf Papst und Bischöfe an, ob es Christentum in Europa künftig geben wird. Es kommt auf die Christinnen und Christen an.
Es braucht natürlich die Gemeinschaft, die den Glauben durch die Zeit trägt. Diese Gemeinschaft benötigt Organisation und Verbindlichkeit. Aber sie ist Dienerin, nicht Herrin. Sie gehört auf die richtigen Füße gestellt. Diese Füße sind nicht der kirchliche Apparat. Sonst ist man schnell bei der Vision vom Standbild im Buch Daniel (2,31–34):
„An diesem Standbild war das Haupt aus reinem Gold; Brust und Arme waren aus Silber, der Körper und die Hüften aus Bronze. Die Beine waren aus Eisen, die Füße aber zum Teil aus Eisen, zum Teil aus Ton. Du sahst, wie ohne Zutun von Menschenhand sich ein Stein von einem Berg löste, gegen die eisernen und tönernen Füße des Standbildes schlug und sie zermalmte.“
Jede Reform in der Kirche muss berücksichtigen, dass wir uns Ton in den Füßen nicht leisten können. Wir brauchen Stein.
Die Gemeinden vor Ort, die Christinnen und Christen im Leben, sind der Stein, auf dem die Kirche steht: Ganz normale Menschen wie der Fischer Simon Barjona (Mt 16,18).
Auf den Glanz der Hierarchie und auf Klerikalismus kommt es nicht an.
Ohne das Engagement der Christinnen und Christen gibt es kein Christentum.
Der Luxemburger Kardinal Jean-Claude Hollerich schreibt: „Wir müssen schlicht dorthin gehen, wo die Leute sind. Das ist seit 2.000 Jahren immer das Gleiche. Doch im Moment sitzen wir in der Kirche und warten, dass die Leute kommen.“
Schlimmer: Selbst denen, die zu uns kommen wollen, werden durch Skandale und verhinderte Reformen Steine in den Weg gelegt.
Deshalb ist es wichtig, dass Menschen in den Stadtvierteln und Dörfern, den Siedlungen und Gemeinschaften Christ und Christin sein wollen, sich engagieren – oft auch manchen Widrigkeiten zum Trotz. Das kann in den Pfarrgemeinderäten der Fall sein. Wenn die Engagierten dort einander im Glauben bestärken, dann ist das Kirche.
Diese Kirche verwirklicht sich auch in Oberösterreich immer wieder – meist unbemerkt. Und doch ist sie wirksam, solange Menschen im Dasein für andere vor Gott einen Sinn sehen. Was dabei stört – dazu gehören auch die konfessionellen Trennungen – muss überwunden werden, damit sich die Freiheit der Christ/innen für Gott und den Nächsten auftun kann. «

Reinhard Macht ist ehrenamtlicher Diakon im SR Jenbach-Münster-Wiesing und Gemeindeberater in der Diözese Innsbruck.
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