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„Für 95 Prozent hat sich nichts geändert“

Kirche OÖ

Johann Hammerl, Pfarrer in Bad Goisern, zieht eine Zwischenbilanz, was Corona über die organisatorischen Maßnahmen hinaus für die Seelsorge bedeutet.
 

Ausgabe: 24/2020
09.06.2020
- Josef Wallner
Johann Hammerl ist seit 2010 Pfarrer in Bad Goisern.
Johann Hammerl ist seit 2010 Pfarrer in Bad Goisern.
© privat

Wie haben Sie den 15. März 2020, den berühmten Lockdown, erlebt? Was hat es für Sie als Pfarrer geheißen, dass es keine öffentlichen Gottesdienste mehr geben darf?
Pfarrer Johann Hammerl:
Zuerst ist mir einmal – mit Erschrecken – bewusst geworden, dass sich für 95 Prozent der Katholik/innen gar nichts ändert. Wir haben etwa fünf Prozent Kirchenbesuch, an die 175 Leute, die Kurgäste schon mit eingerechnet. Aber natürlich war die Situation ein starker Anstoß zum Nachdenken: Wie gehe ich auf die Leute zu – über die Kirchenbesucher/innen hinaus? Ich kann für mich sagen: Corona hat den Blick geweitet. 


Wie sind Sie auf die Leute zugegangen?
Hammerl:
Zuerst einmal ganz praktisch, indem ich bewusst einkaufen gegangen bin, um dabei Leute zu treffen. Ich habe viele 
E-Mails geschrieben, Leserbriefe – und wir können als Dekanat auch mit einem Artikel wöchentlich in der „Ischler Woche“ präsent sein. Dann habe ich verstärkt auf Facebook gepostet und auf der Hompegage der Pfarre. 


Auf der Pfarrhomepage sieht man, dass manche ihrer geistlichen Impulse gut 200 Zugriffe haben. Ich sage das mit Blick auf die Anzahl der Kirchenbesucher/innen.
Hammerl:
Das ist kein Gegensatz, aber auf jeden Fall ein Anstoß. Da möchte ich unbedingt dranbleiben. Mir ist aufgefallen, dass wir sehr kirchenintern kommunizieren. Wir müssen darüber hinausgehen. 


Corona hat auch die Hauskirche wieder ins Gespräch gebracht: Wenn schon keine Teilnahme an einer Messfeier möglich ist, dann sollen die Leute zu Hause beten.
Hammerl:
Wir haben uns bemüht, das „inpuncto“, das ja die KirchenZeitung produziert hat, zu verteilen, damit in der Karwoche und zu Ostern in jedem Haushalt Anregungen zum Gebet da sind. Aber mit der Hauskirche bin ich sehr unsicher. Die Leute tun sich schwer, auch nur in einfachster Form miteinander oder für sich allein daheim zu beten. Behelfe helfen da auch nicht viel. Da sind wir einfach schwach. Vor allem, wenn ich an die jungen, muslimischen, afghanischen Burschen denke, die bei mir im 
Pfarrhof leben. Mit welcher Selbstverständlichkeit die sagen: „So, jetzt gehe ich beten.“ 


Haben Menschen die Corona-Zeit genützt, um auf Sie als Seelsorger zuzugehen – mit Fragen, Problemen oder um über den Glauben zu reden?
Hammerl:
Nein, eigentlich ist niemand aktiv auf mich zugekommen, aber die Begegnungen, die ich zum Beispiel bei den Begräbnissen im kleinen Kreis hatte, waren sehr intensiv und berührend. 


Wie haben Sie Ihre Corona-Zeit verbracht?
Hammerl:
Ich konnte einen meiner Flüchtlinge, der gerade die Berufsschule als Kochlehrling macht, beim Homelearning unterstützen. Wir haben sogar einige Einser auf Prüfungen gekriegt. Und dann habe ich die freie Zeit zum Nachdenken über ein neues Konzept für unsere Kirche verwendet.


Was haben Sie da gemacht? 
Hammerl:
Wir werden im  kommenden Jahr 2021 unsere Pfarrkirche innen renovieren. Und da stellt sich die Frage: Wie können wir den Kirchenraum einladend und freundlich gestalten und so erneuern, dass die biblische Botschaft ansprechend präsentiert wird. Wir sind mit den Planungen schon sehr weit, aber es braucht trotzdem immer wieder Zeit zum Überlegen und Reflektieren.


Haben Sie nicht Angst, dass dieses Bau-Projekt finanziell schwierig wird, weil die Leute als Folge der Corona-Krise mehr aufs Geld schauen müssen?
Hammerl:
Nein. Denn ich bin überzeugt, dass in der Corona-Zeit den Leuten bewusst geworden ist, dass der Glaube sehr wohl relevant ist. Auch wenn die Kirche von der Politik als nicht system-relevant gesehen wurde. Gerade wegen Corona werden die Leute das mittragen. Viele – über die Kirchenbesucher/innen hinaus – haben gespürt: Das Kirchengebäude steht für eine Mitte, die wir brauchen. Ich nehme an, dass die Motivation, die Renovierung mitzutragen, durch Corona eher größer als kleiner geworden ist. 


Wenn Sie auf die Corona-Sperrzeiten zurückschauen, was ist geblieben? 
Hammerl:
Für mich waren die Wochen  schon ein Stück Läuterungsprozess, wo ich  noch immer mittendrin bin, der Frage nachzugehen: Was ist unser Grundauftrag? Wir dürfen nicht auf Nebenschauplätzen  bleiben. Es gehören endlich einmal Themen erledigt wie die Zulassungsbedingungen zur Priesterweihe für verheiratete Männer und Frauen. Da sind jetzt auch Schritte von oben notwendig. Die könnten ruhig mutiger sein. Damit wir zum Hauptschauplatz kommen: Das ist die Kommunion und die Kommunikation. Wir sollen hier dem Heiligen Geist mehr Raum geben.

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