Beate Mayerhofer-Schöpf ist Theologin
und Referentin für Spiritualität im
Pastoralamt der Erzdiözese Wien
Wie beim Autofahren gibt es auch in der Spiritualität ein Navigationsgerät. Dieses Navi beschreibt der Professor anhand von drei Sinnlandkarten. Die erste Karte ist die Erziehung. Da verweist Rötting auf die ältere Generation: „Sehr viele Menschen erzählen von ihrer Oma mit sehr großer Wertschätzung. Ihre Frömmigkeitsformen, die man selbst gar nicht für sich selber adaptieren würde, empfindet man als wertvoll, weil man sie bei der Oma erfahren hat. Die zweite Karte umfasst Alternativen, wenn man sich aktiv auf Sinnsuche begibt. Ein Beispiel hierfür wäre ein ‚Kloster auf Zeit‘ oder wenn man mal bei der Vesper der Trappisten dabei ist. Wenn wir dann im Verlauf unseres Lebens die primäre Sinnlandkarte und mehrere Alternativen zusammenlesen, kommen wir zu einer oben aufliegenden Karte. Das wäre dann im Vergleich mit dem Navi das Update bzw. die dritte Sinnlandkarte. In dieser dritten Karte sind dann Dinge enthalten wie z. B. das Weihnachtsfest, die Beichte, ostasiatische Formen von Besinnung und Meditation, ein bestimmtes Tischgebet, das uns von früher vertraut ist, Wallfahrtsorte oder auch sehr säkulare Dinge wie ein regelmäßiges Gespräch mit einem Freund oder einer Freundin.“ Das Selektieren der passenden Verortungsrituale sieht Rötting unabdingbar. Allerdings braucht es für diese dreiteilige Karte, damit das Navi funktioniert, aber auch ein Ziel: „Was hoffe ich? Wohin hoffe ich? Auf was hoffe ich?“
Martin Rötting spricht in seiner Vorlesung an der Katholischen Privat-Universität in Linz im religiös-spirituellen und im alltäglichen Bereich von „Verortungsritualen“. In der „Lebenswegnavigation“, wie er sich ausdrückt, braucht es beides: „Für religiöse Menschen sind die besonderen Rituale die, die im Kontext ihrer religiösen Praxis eine Verortung finden, die heilige Messe für Katholik:innen, das Rosenkranzgebet, Pilgern, auch die Yogastunde am Mittwochabend gehört dazu, auch wenn jemand kein Hindu ist, sondern vielleicht einfach nur, wie man das im Volksmund sagt, zum Runterkommen. Und ich sag mit einem Augenzwinkern, es gibt Menschen, die in der Früh lieber ihren Kaffee in Stille genießen, ohne angesprochen zu werden. Das alles wären Verortungsrituale mit sehr unterschiedlicher Gewichtung. Trotzdem kann man nicht einfach eins weglassen, auch wenn man sagen würde, ja, das Pilgern oder das Meditieren sei doch viel wichtiger als das Zähneputzen, das Duschen oder das Kaffeetrinken. Wir brauchen alle diese Verortungen.“
Als Religionswissenschaftler geht Martin Rötting ganz neutral beschreibend an Phänomene wie etwa Ekstase und Verzückung im Alpenschamanismus am Untersberg in Salzburg heran. Persönlich ist er durch eine lebenslange Beschäftigung mit dem Buddhismus geprägt, obwohl er sich nach wie vor dem Christentum zugehörig fühlt und bei aller notwendiger Kritik gegenüber der katholischen Kirche gerne Mitglied ist. Rötting praktiziert ein Herzensgebet, das sehr viel vom Zen-Buddhismus gelernt hat. Die Erfahrung von Gottes Gegenwart, die im Zentrum seiner persönlichen, spirituellen Praxis steht, hat aber nichts mit seinem Beruf als Religionswissenschaftler zu tun, wie er betont.
Die Ersetzung des Menschen in spirituellen Prozessen – wie etwa den Eintritt eines Roboters in ein Zen-Kloster in Südkorea – sieht er sehr kritisch.
Die Konzilserklärung Nostra Aetate zu den Weltreligionen bezeichnet er als einen damaligen Meilenstein. Die Weiterentwicklung der Haltung der Kirche sei aber unabdingbar und könnte an den Glückwunschschreiben der Päpste zu Buddhas Geburtstag abgelesen werden.
Fachtagung
Am 6. November findet die Fachtagung „Seelenstärke – Spiritualität heute leben“ im Bildungshaus Schloss Puchberg statt.
Prof. Martin Rötting hält einen Vortrag zum Thema „Spirituelle Identität in einer interreligiösen Welt“ und einen Workshop mit dem Titel „Die Quellen der Seele nähren in den verschiedenen Religionen“. Weitere Vortragende und Workshopsleiter sind Bischof Manfred Scheuer, Silvia Hagleitner, Elisabeth Caloun, Siegfried Essen, Carolin Juen de Quintero, Hans Neuweg und Michaela Quast-Neulinger.
Anmeldung bis 31. Oktober unter www.beziehungleben.at

Beate Mayerhofer-Schöpf ist Theologin
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Turmeremitin Birgit Kubik berichtet über ihre Woche in der Türmerstube hoch oben im Mariendom Linz >>

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