Hannah Bilgeri MA ist Pastoralassistentin in Ausbildung in der Pfarre Bruder Klaus in Dornbirn Schoren.
Wer religiös gebildet ist, neigt weniger zu Radikalismus. Obwohl der Religionsunterricht gegen sein Image als unwichtiges Fach ankämpfen muss, spielt er in der Gesellschaft eine bedeutende Rolle. Doch immer weniger Kinder gehören einer Glaubensgemeinschaft an. In einer Welt, die sich verändert, verändert sich auch der Religionsunterricht. Über die Rolle des Religionsunterrichts kommen die Schulamtsleiterinnen Andrea Pinz und Carla Amina Baghajati zu Wort.
Der Religionsunterricht bleibt wichtig, aber er bleibt nicht gleich. Wie sollte er auch, wenn sich die Welt doch weiterdreht. Wenn sich politische Gepflogenheiten ändern, soziale Sicherheiten schwanken, Weltbilder quer durch die Glaubensgemeinschaften zur Diskussion stehen und die Gesellschaft im Umbruch ist. Die Schulämter arbeiten laufend daran, den Religionsunterricht den Anforderungen der Schülerinnen und Schüler anzupassen. Darüber unterhalte ich mich mit Andrea Pinz, die sowohl dem Schulamt der Erzdiözese Wien als auch der österreichweiten Konferenz der diözesanen Schulamtsleiterinnen und -leiter vorsteht. Als sich das Gespräch zu Ende neigt, kündige ich ihr noch an, dass ich auch ihre Kollegin interviewen werde, die Leiterin des islamischen Schulamtes, Carla Amina Baghajati. „Ja“, kommt prompt zur Antwort. „Das weiß ich schon. Wir sind regelmäßig in Kontakt und sie hat es mir schon erzählt.“ Dieses Beispiel zeigt, dass die Praxis oft wesentlich besser läuft, als es die politische Aufregung vermuten lässt.
Wer einen Blick in die Statistik wirft, erhält folgendes Bild: Der Anteil der katholischen Schülerinnen und Schüler ist in Österreich seit 1994 von 85 Prozent auf 58 Prozent gesunken, der Anteil der Kinder ohne religiöses Bekenntnis hat sich von 3 Prozent auf 14 Prozent fast verfünffacht. Gestiegen ist auch der Anteil an Schulkindern mit anderem christlichem Bekenntnis oder anderer Religion, und zwar von 12 Prozent im Jahr 1994 auf 28 Prozent im heurigen Schuljahr. Diese Verschiebungen haben Auswirkungen auf den Religionsunterricht. Denn wenn in einer Schulklasse weniger als zehn Kinder einer Religionsgemeinschaft sitzen (und sie weniger als die Hälfte der Klassengröße ausmachen), reduzieren sich ihre Religionsstunden von zwei auf eine Stunde pro Woche. Wenn nur ein oder zwei Kinder am Religionsunterricht teilnehmen, müsste die Lehrkraft von der Religionsgemeinschaft bezahlt werden. Meist werden aber Gruppen zusammengelegt.
Grundsätzlich sind Kinder, die einer gesetzlich anerkannten Kirche oder Religionsgesellschaft angehören, verpflichtet, den entsprechenden Religionsunterricht zu besuchen, es sei denn, ihre Eltern oder sie selbst (ab 14) melden sich vom Religionsunterricht ab. Umgekehrt können sich auch Kinder und Jugendliche ohne religiöses Bekenntnis zu einem Religionsunterricht anmelden. Und diese Variante wird gerne gewählt, wie die bereits zitierte Statistik zeigt: Etwa jedes vierte Kind ohne Bekenntnis meldet sich zu einem Religionsunterricht an. Diese Größenordnung ist seit 1994 relativ stabil.
Dass sich Schüler:innen zu einem Religionsunterricht aktiv anmelden, den sie nicht besuchen müssten, macht sich bemerkbar, sagt Schulamtsleiterin Andrea Pinz von der Erzdiözese Wien. „Es zeigt, dass der Religionsunterricht grundsätzlich eine hohe Qualität hat.“ Dennoch wird die Zahl der römisch-katholischen Religionsstunden österreichweit weniger. Das bekommen auch die Religionslehrer:innen zu spüren – in Wien noch stärker als anderswo. Am höchsten ist der Anteil an Kindern ohne Bekenntnis in Wiener Volks- und Mittelschulen, er liegt bei 44 Prozent. Auch der Anteil der Schüler:innen mit islamischem oder orthodoxem Bekenntnis ist dort höher als in anderen Bundesländern. Der Trend zieht aber in anderen Diözesen den Wiener Zahlen hinterher, sodass sich ein Blick darauf lohnt, welche Modelle des Religionsunterrichts in der Bundeshauptstadt neben dem traditionellen Klassenunterricht entwickelt werden.
Seit bald 20 Jahren gibt es in Wien auch den sogenannten „dialogisch-konfessionellen“ Religionsunterricht. Sechs christliche Kirchen (katholisch, evangelisch, orthodox, altkatholisch, freikirchlich, neuapostolisch) haben sich darauf geeinigt, dass sie, wenn es die Klassensituation nahelegt, den Religionsunterricht an eine jeweils andere Kirche gleichsam „delegieren“ können. „Das heißt, man einigt sich zum Beispiel, dass die katholische Religionslehrerin katholische und orthodoxe Kinder gemeinsam unterrichtet. Die zweite Konfession muss allerdings authentisch vorkommen.“ Die Lehrerin muss ihr Bekenntnis nicht verschleiern, aber beide Lehrpläne beachten.
Das ist ein hoher Aufwand für die Unterrichtsvorbereitung. Ein Aufwand, der sich lohnt, meint Schulamtsleiterin Andrea Pinz. „Es entsteht ein Unterricht, der ein Einüben von Achtung und Respekt vor anderen religiösen Traditionen ist. Es geht einerseits um ein vertieftes Bewusstsein der eigenen Konfession, aber auch um das Trainieren eines Perspektivenwechsels.“ Mehr als 160 Schulklassen in Wien setzen dieses Modell bereits um. „Das Projekt genießt hohe Anerkennung in den Schulen, bei den Eltern, bei den Direktionen. Warum? Weil es die Kinder nicht trennt“, bemerkt Andrea Pinz.
Aus dem islamischen Religionsunterricht berichtet Schulamtsleiterin Carla Amina Baghajati von einer ähnlichen Erfahrung. Denn innerhalb des Islam gibt es eine Vielfalt von Traditionsschulen. Man kann ihre Unterschiede nicht ganz mit den christlichen Konfessionen gleichsetzen. Wo aber Parallelen erkennbar sind, ist, dass Kinder verschiedener Traditionen davon profitieren, wenn sie sich im Islamunterricht miteinander austauschen. „Eine Religionslehrerin, ein Lehrer gerät dann idealerweise in eine Moderationsfunktion“, sagt Baghajati. Bereits in der Ausbildung wird Wert darauf gelegt, dass die Lehrpersonen mit den verschiedenen Traditionsschulen vertraut werden. „Es ist uns ein großes Anliegen, dass islamischer Religionsunterricht vielfältig tauglich ist, weil das eine Friedenserziehung ist. Das klingt vielleicht pathetisch“, meint die Schulamtsleiterin der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich, „aber wenn Befindlichkeiten zwischen Volksgruppen im Religionsunterricht konstruktiv bearbeitet werden können, ist das eine sehr gewinnbringende Sache für alle Seiten.“
Und noch eine friedensstiftende Aufgabe sieht Carla Amina Baghajati im Religionsunterricht. „Wenn Kinder religiöses Wissen haben und reflektieren, sind sie weniger anfällig für Manipulation.“ Ein verbindendes Element nennt Baghajati, dass der Unterricht auf Deutsch gehalten wird. „Denn das religiöse Leben in der Familie oder Moschee ist ethnisch geprägt.“
Dass es innermuslimisch auch gefährliche „Tendenzen gibt, wo ein genaueres Hinschauen notwendig ist“, ist ihr bewusst. „Präventionsarbeit ist deshalb entscheidend, damit es gar keine Deradikalisierung braucht.“ Den Religionsunterricht in der Schule sieht sie als persönlichkeitsstärkend und damit auch „immunisierend“ gegen Radikalisierung. „Mit einer guten Gottesbeziehung und einem gesunden Selbstbewusstsein haben es junge Menschen nicht nötig, Identität durch Abgrenzung von anderen aufzubauen.“ Wenn man hingegen nicht weiß, wofür man selbst steht, „weiß man ganz genau, wer man nicht ist – nämlich nicht wie diese anderen da. Das gibt es auf allen Seiten.“

Hannah Bilgeri MA ist Pastoralassistentin in Ausbildung in der Pfarre Bruder Klaus in Dornbirn Schoren.
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