Ein deutscher Hubschrauberpilot fliegt im weitläufigen Äthiopien Material und Menschen in entlegene Regionen. Oft geht es dabei um Leben oder Tod.
Ausgabe: 2013/25, Hubschrauber, Helimission, Markus Lehmann
19.06.2013
- Klaus Sieg
Markus Lehmann drückt das Höhensteuer nach unten. Der Flickenteppich aus braunen und grünen Feldern kommt näher. Von den Grasdächern auf den runden Hütten sind fast die einzelnen Halme zu erkennen. Menschen werfen den Kopf in den Nacken, halten die Hand vor die Augen, um trotz des gleißenden Sonnenlichts etwas erkennen zu können.
Einen Helikopter bekommt man nicht alle Tage zu sehen im Süden Äthiopiens. Markus Lehmann steuert den Helikopter in einem Halbkreis über den Awassa-See zum Landeplatz zurück und setzt ihn auf den kleinen Kreis aus Beton mitten auf der großen Rasenfläche. Hinter dem Gartenzaun vor dem Haus warten seine drei Kinder. Als die Rotorblätter still stehen, gibt Markus Lehmann ihnen ein Zeichen.
Freudestrahlend kommen Naomi, David und Simeon auf ihn zugestürmt. Zwar war er gerade einmal zehn Minuten für einen Testflug in der Luft. Oft genug aber verschwindet Markus Lehmann für mehrere Tage von dem idyllischen An- wesen. Dann fliegt er Medikamente und Ärzte in Flüchtlingslager, Baumaterial zu entlegenen Missionsstationen oder Notfallpatienten aus dem Busch in das nächste Krankenhaus. Oft geht es um Leben oder Tod. Organisationen wie Humedica, das World Food Program, Ärzte ohne Grenzen oder die Lutheran World Federation nehmen seine Dienste in Anspruch. „Ich fliege für alle Menschen, egal welcher Religion oder Hautfarbe.“ Zusammen mit dem Mechaniker Andrew Foster schiebt Markus Lehmann den Helikopter wieder in den Hangar.
Helimission
Markus Lehmann ist im Einsatz für die Helimission. Die 1971 in der Schweiz gegründete Organisation hilft Menschen in abgelegenen, schwer zugänglichen Gebieten. Die Stiftung unterhält zurzeit vier Helikopterbasen, auf den indonesischen Inseln Papua und Sulawesi, auf Madagaskar und in Äthiopien. Seit fünf Jahren arbeitet der 35-Jährige auf der Basis in Äthiopien. Davor war er in Kenia und Madagaskar. Dort hat er auch seine Frau Esther kennengelernt, die damals die Verwaltung der Helimission vor Ort organisierte. „Sie ist wirklich eine starke Frau“, sagt Markus Lehmann und stößt die Tür zum Wohnhaus auf. Im Flur hängen Postkarten mit Grüßen von Freunden aus aller Welt. Duplosteine liegen über den Fußboden verstreut. Der Blick aus dem Fenster geht über den silbrig glitzernden Awassa-See. Das Gewässer ist Teil einer Seenkette im ostafrikanischen Grabenbruch, ein Vogelparadies mit spektakulärer Landschaft. Doch was angesichts der Umgebung wie ein Traumjob aussieht, erfordert unermüdlichen Einsatz. Haus, Hangar und Hubschrauber müssen ständig gepflegt, gewartet und repariert werden. „Du schaffst rund um die Uhr.“ Markus Lehmann streicht sich über die blonden Haare auf seinem braun gebrannten Arm.
Höhenflüge
Äthiopien ist drei Mal so groß wie Deutschland, bei gleicher Einwohnerzahl. Viele Menschen leben in sehr entlegenen Regionen. Das zum Teil stundenlange Fliegen dorthin geht an die Substanz. Lärm, Vibration und Hitze fordern ihren Tribut. Kein Landeplatz ist so komfortabel wie der eigene in Awassa. Doch selbst der liegt auf 1600 Metern Höhe, so hoch wie der höchste Flugplatz Europas in St. Moritz. Und von hier aus fliegt der Pilot noch viel höhere Orte an. Äthiopien hat 14 Berge mit über 4000 Metern Höhe. Hinzu kommt das häufig extreme Wetter, für das es keine Voraussagen gibt. „Du schaust über den See – das ist alles.“ Markus Lehmann grinst und zeigt auf die Wolken, die sich hinter dem Gebirge am Horizont auftürmen.
Jugendträume
Bezahlt wird er für das alles nicht. Zwar unterhält die Helimission die Basis, für den Unterhalt seiner Familie aber muss Markus Lehmann sich um einen eigenen Spenderkreis bemühen. Menschen aus seiner schwäbischen Kirchengemeinde, einige Freunde, die Familie oder der ehemalige Arbeitgeber Rotorflug bei Frankfurt unterstützen seine Mission. Dort hat Markus Lehmann als Flugmechaniker gearbeitet. Das entsprach dem einen Jugendtraum von Markus Lehmann. Der andere war das Fliegen. Bereits mit 13 Jahren begann er mit dem Segelfliegen. Am achtzehnten Geburtstag bestand er den Motorflugschein. Nach der Ausbildung fing Markus Lehmann an, für den Helikopter-Flugschein zu sparen. Bestanden hat er den mit 21 Jahren in den USA. Heute kann Markus Lehmann fast 2000 Flugstunden vorweisen. „Einen Heli zu fliegen ist faszinierend und anspruchsvoll.“ Markus Lehmanns Augen leuchten. Der Helikopter kann Außenlasten transportieren, ob einen Zahnarztstuhl für eine entlegene Klinik oder Reissäcke und Bauholz für ein abgebranntes Dorf im Busch. Er kann in der Luft stehen und in alle Richtungen fliegen. So einer wie Markus Lehmann hat viele Möglichkeiten, ob als Flugmechaniker oder Pilot. Bei der Helimission ist er beides. Warum nimmt er das alles auf sich? „Ich kann Leben retten, und mein Glaube an Gott gibt mir Kraft“, sagt Markus Lehmann und nimmt am Frühstückstisch Platz. Es gibt Müsli, Obst, Erdbeermarmelade, selbstgebackenes Brot und Greyerzer. Den haben die Schweizer Schwiegereltern bei ihrem letzten Besuch mitgebracht. Häufig kommen aber auch lokale Lebensmittel auf den Tisch.
Versorgungsflug
Abflug am nächsten Morgen. Für zwei Tage fliegt Markus Lehmann in den Südwesten des Landes, in das Stammes-gebiet an der Grenze zu Kenia und dem Südsudan, das die Äthiopier Region der südlichen Nationen nennen. Kein Notfalleinsatz, sondern ein Versorgungsflug für Missionare in dem extrem unzugänglichen Omo-Tal. Langsam beginnen sich die Rotorblätter zu drehen. Immer schneller kreiseln ihre Schatten über den Betonboden. Die Kabine vibriert. Am Gartenzaun stehen die Kinder und winken. Langsam hebt sich das Heck. Mit einem Schub nach vorne starten wir über den Awassa-See. Markus Lehmann meldet den Flug bei der Kontrollstelle in der Hauptstadt Addis Abeba an. „Bis vor einem Jahr hatten die noch kein Radar, sie waren alleine auf die Meldungen angewiesen“, erklärt er. Unten auf der Schotterpiste müht ein Esel sich mit einem Karren mit Wasserkanistern ab. Ein voll besetzter Mini-Bus zieht eine Staubfahne hinter sich her. Canyons, Geröll, gelbes Gras und knorrige Bäume sind zu sehen, ab und zu ein Kreis aus verdörrten Büschen. Nomaden pferchen nachts ihre Rinderherden in diese Umzäunungen.
Neuer Generator
Zur Landung in dem Dorf Labuc fliegen wir tief über den Omo-Fluss, der sich durch das gleichnamige Tal schlängelt. Krokodile stoßen vom Ufer in das bräunliche Wasser. Drei bunte Igluzelte stehen im Schatten einer Baumgruppe. Den US-amerikanischen Bibelstudenten, die hier ihr Lager aufgeschlagen haben, ist ihr kleiner Stromgenerator kaputt gegangen. Der Helikopter wirbelt eine dichte Staubwolke auf. Beim Aussteigen empfängt uns ein Wind heiß wie aus dem Backofen. Schnell laufen die Bewohner der Handvoll Strohhütten zusammen. Die meisten tragen nur ein Hüfttuch, die Kinder sind nackt und lehmverschmiert. Frauen und Männer haben Stammeszeichen in die dunkle Haut geritzt. Einige junge Männer haben Kalaschnikows geschultert; zwischen den Hirten-Stämmen im Omo-Tal gibt es immer wieder Konflikte wegen des Viehs. Mit sonnenverbrannten, verschwitzten Gesichtern nehmen die jungen Bibelstudenten den neuen Generator in Empfang. Die Flugzeit von Awassa hierher hat 1 Stunde 40 gedauert. „Mit dem Auto braucht man zwei Tage – wenn man denn durchkommt“, sagt einer von ihnen lächelnd. Als er den Generator mit der Anreißschnur startet, laufen die meisten Dorfbewohner panisch weg.
Moderner Esel
Bei der nächsten Landung in einem Dorf in Makki reagieren die Menschen abgeklärter. Markus Lehmann ist schon öfter zu diesem Dorf geflogen, hat einen großen Wassertank gebracht oder Verletzte in das nächste Krankenhaus transportiert. Trotzdem kommen die Menschen vom Stamm der Mursi neugierig zusammen. Die Mursi sind eine Ethnie von wenigen Tausend Menschen. Kaum jemand kümmert sich um sie. Die Missionare hier haben eine Schule und eine Gesundheitsstation aufgebaut, zudem arbeiten sie gemeinsam mit den Mursi an der Verbesserung ihrer landwirtschaftlichen Erträge. „Ich bin nur der moderne Esel, die wichtige Arbeit erledigen die hier.“ Markus Lehmann nickt und begrüßt einen sehr alten Mann mit ledriger Haut, fragt ihn nach seiner Gesundheit, nach seinen Kindern und Enkeln.
Leben retten
Auf dem Rückflug rütteln Turbulenzen am Helikopter. Mit zwei Fingern am Steuerknüppel und sehr feinen Bewegungen fliegt ihn Markus Lehmann sicher hindurch. Kurz vor der Landung in Awassa kommt ein Funkspruch von Mechaniker Andrew Foster. Ein Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen muss wegen eines medizinischen Notfalls aus dem Flüchtlingslager in Dolo Ado, an der Grenze zu Somalia, herausgeflogen werden. Markus Lehmann wird also nur für eine kurze Nacht zu Hause sein. Am nächsten Tag fliegt er bereits im Morgengrauen über den Awassa-See mit seinen Flusspferden wieder davon. Leben retten.