Das Recht auf Selbstbestimmung im Alter ist auch ein Anspruchsrecht, unterstützt und gefördert zu werden.“ – So formulierte DDDr. Clemens Sedmak bei den 19. Diakonie-Dialogen Ende Juni in Linz. „Ich entscheide“ ist die Losung auch für die Teilhabe von Menschen mit Demenz!
Was sich in der Theorie anschaulich formulieren lässt, braucht eine Praxis, die sich dem gehobenen Anspruch stellt.
Einschränkungen
Am Linzer Froschberg führt die Caritas das Seniorenwohnhaus St. Anna. Für dessen Leiterin Mag. Andrea Anderlik ist Selbstbestimmung oberstes Gebot in Altenheimen. Die 86 Bewohner/innen von St. Anna – 80 Prozent haben (in unterschiedlichen Graden diagnostizierte) Demenz – werden mit diesem Pflege-Anspruch betreut. Das bedeutet: Keine Einschränkungen, ausgenommen ärztlich angeordnete. Aber auch in diesem Fall müssen weitere Voraussetzungen erfüllt sein, bevor Einschränkungen möglich sind. Menschen etwa, die weggehen und sich dabei in Gefahr bringen, bekommen in den Schuh einen Chip eingebaut, der es erleichtert, sie wieder zu finden. Diese nur ärztlich anzuordnende Freiheitsbeschränkung muss der Bewohnervertretung gemeldet werden.
Gemeinschaft hilft
Möglichst viel auf die Menschen eingehen, die bei uns wohnen. –Dies ist das Credo zeitgemäßer Pflege. Im Heim ist es daher selbstverständlich, dass jeder Mensch aufstehen oder essen kann, wann er/sie will. Die Pflegenden sind bemüht, von den Angehörigen möglichst viel aus der Lebensgeschichte der Bewohner/innen zu erfahren, um bei Dingen anknüpfen zu können, die in deren Lebensgeschichte eine gute Rolle gespielt haben. Im Bereich Tagesstruktur werden schwer demenzkranke Menschen möglichst viel beschäftigt. Ist ihr Tag strukturiert, verringert dies ihren Drang wegzugehen. Wichtig sei, die Menschen nicht allein zu lassen. Verwirrten Menschen hilft es, dass immer jemand da ist. Daher wird gemeinsam im großen Raum die Mittagsruhe verbracht. Solche Themen wurden auch bei den Diakonie-Dialogen angesprochen Alle Menschen wünschen sich, selbstbestimmt zu leben, auch im Alter. Selbstbestimmung heißt, Entscheidungen treffen zu können.
„Ich bin viel mehr.“
Beeindruckt hatte bei den Diakonie-Dialogen das Zeugnis von Helga Rohra, einer jetzt 59-jährigen Frau, die mit 54 Jahren die Diagnose Demenz wie ein Keulenschlag traf. Sie war erfolgreiche Dolmetscherin. Nachdem sie sich vom Blitz der Diagnose erholt hatte, begann sie ein neues Dolmetschen – dolmetschen in eigener Sache: „Sprecht nicht über Menschen mit Demenz, sprecht mit ihnen“, sagt sie und setzt fort: „Ich habe Demenz, aber ich bin viel mehr – ich bin Mutter, Dolmetscherin, habe Interessen und Fähigkeiten trotz meiner Krankheit. Ich möchte weiter meinen Sport betreiben, ich möchte weiterhin in die Oper gehen.“ Es sei wichtig, den Menschen mit Demenz nach der Diagnose eine Perspektive zu geben. Dafür sei psychosoziale Betreuung und Begleitung wichtig. „Ich brauche Hilfe, die mir den Glauben an mich zurückgibt.“
Helga Rohra schildert im Buch „Aus dem Schatten treten“ ihr Leben mit der Krankheit.