So sagte etwa der Pfarrer der deutschsprachigen katholischen Gemeinde in Kairo, Joachim Schroedel, gegenüber dem „Münchner Kirchenradio“, das ägyptische Volk habe bewiesen, dass es sowohl eine weltliche als auch eine religiöse Diktatur ablehne und, wenn nötig, auch abschaffe. Auch der koptische Bischof für Deutschland, Anba Damian, begrüßt im Gespräch mit der deutschen katholischen Nachrichtenagentur KNA die Entmachtung Mursis.
Notbremse gezogen
Nach Schroedels Einschätzung war die Absetzung kein Putsch. Das Militär habe lediglich auf die seit Wochen erhobenen Forderungen im Volk reagiert und die Notbremse gezogen, da sonst sehr viel Blut geflossen wäre. Christen, aber auch der Großteil der Muslime hätten nicht mehr länger zusehen wollen, wie das Land weiter gegen die Wand gefahren werde. Der Geistliche zeigte sich zuversichtlich, dass die christlichen Kirchen nun wieder an den Beratungen für eine neue Verfassung teilnehmen werden. Die von Mursi „durchgepaukte Verfassung“ müsse mit Hilfe aller gesellschaftlichen Kräfte neu geschrieben werden.
Neuwahlen
Die angekündigten Neuwahlen sieht Schroedel ebenfalls positiv. Laut Umfragen lehnten mittlerweile etwa zwei Drittel der Ägypter eine religiöse Regierung der Muslimbrüder ab. Die Präsidentschaft Mursis habe den Muslimbrüdern insgesamt sehr geschadet. Die Bevölkerung und das Militär hätten Mursi nicht deswegen abgesetzt, weil er islamische Werte vertritt, sondern weil er die wirtschaftlichen und sozialen Probleme des Landes nicht angepackt habe.
Religiöse Führer dabei
Der Oberbefehlshaber der Armee, Abdel Fattah al-Sisi, hatte vergangene Woche auch den koptisch-orthodoxen Papst-Patriarchen Tawadros II. in die Beratungen über die Zukunft des Landes einbezogen. Das ägyptische öffentlich-rechtliche Fernsehen zeigte Sisi bei der Verlesung der Absetzungs-Begründung gemeinsam mit religiösen Führern, darunter Tawadros und Al-Azhar-Großimam Ahmad Mohammad al-Tayyeb.