„Gibt es die kleinen Bauern und Bäuerinnen nicht mehr, geht den Menschen viel verloren“, sagt Ulrike Stadler. Sie führt in Engerwitzdorf eine 20-Hektar-Landwirtschaft und möchte, dass die Kirche – ähnlich der Betriebsseelsorge – eine eigene Seelsorge für Kleinbauern und -bäuerinnen aufbaut.
Ausgabe: 2013/29, Kleinbauer, Stadler, Stiermast
16.07.2013
- Ernst Gansinger
Die Welt sei sehr widersprüchlich. Hier ein Luxushotel, das vor Ort alles für die Gäste selber erzeugt. Reiche Gäste buchen Aufenthalte zu Höchstpreisen. Und dort kleine Landwirtschaften, die ums Überleben ringen, weil die meisten Nahrungsmittel immer industrialisierter erzeugt werden. Hier Romantik, dort Wurzel-Verlust.
Auf Seite der Kleinen
„Wo werden die Kleinen seelsorglich betreut?“, fragt Ulrike Stadler. Die Kirche müsste auch auf Seite der Kleinbauern stehen. Das sei wichtiger als das Bewahren und Verwalten von Kunstschätzen oder ein Mitmischen bei hochwissenschaftlichen Forschungen, etwa zum Urknall. Für das Gespräch hat sie eine Jägerstätter-Kerze angezündet. „Er ist viel mehr als ein Wehrdienstverweigerer. Er war auch ein spiritueller Kleinbauer, der mir Kraft gibt.“ Sie greift erneut den Hinweis auf die Pflege des kirchlichen Kunstreichtums auf: „Gott stellt mit der Natur erneuerbare Kunstschätze zur Verfügung.“
Ein Beitrag für eine faire Welt
„Früher wurden Dienstboten schlimm ausgenutzt“, sieht die Vollerwerbsbäuerin eine Parallele zu heute. In der industrialisierten Landwirtschaft sei das Ausnutzen ausgelagert. „Woher kommt die Elektronik, woher kommen die Maschinen? Unter welchen Bedingungen wurden sie erzeugt? Und das Land haben wir in diesen Ländern der Billigproduktionen den kleinen Leuten auch noch weggenommen!“ Eine kleine, nicht total auf Automatisierung setzende Landwirtschaft bei uns sei auch ein Beitrag zu einer faireren Welt. Noch einmal zieht sie einen Vergleich zu früher, um auf eine ungesunde Entwicklung hinzuweisen: „Keinem Bauer früher wäre eingefallen, arbeiten zu gehen, um seinen Knecht zahlen zu können. Heute geht er arbeiten, um den Traktor kaufen zu können.“
Wohin fährt der Zug der Gesellschaft?
Ulrike Stadler hat ihren Betrieb von Milchkühen auf Stiermast umgestellt. Für notwendige Investitionen wurden Kredite aufgenommen. Wirtschaftlich über die Runden kommt der Hof, weil auch die Pensionen von Mann und Schwiegermutter eingebracht werden. Für die Kreditgeber biete eine Landwirtschaft natürlich Sicherheit, aber für einen Bauernhof gebe es bei diesem Wettbewerb nach immer mehr und größer keine Sicherheiten. Die Gesellschaft müsste sich des Werts von Kleinbauern bewusst werden, des Werts von Nahversorgung und einer Landwirtschaft, die schöpfungsverwurzelt ist. Ulrike Stadler kritisiert auch die Kirche. Sie mache beim Verdrängungswettbewerb mit, etwa die Erzdiözese Wien, die landwirtschaftliche Flächen zu einem Preis gekauft hat, den kleine Landwirte unmöglich zahlen können. Die Flächen seien damit für kleinbäuerliche Bewirtschaftung verloren. – In den armen Ländern unterstützt die Kirche die Kleinbauern, aber bei uns ..?
Vom Schöpfer losgesagt
Nachhaltigkeit und Nahversorgung nennt Ulrike Stadler Vorzüge kleinstrukturierter Landwirtschaft. Diese Kleinheit, kritisiert sie, vermisse sie auch bei manchen Biobetrieben. Das Immer-Mehr, Immer-Größer industrialisierter Landwirtschaft sei Ausdruck des Lossagens vom Schöpfer nach dem Motto „los aus dieser Abhängigkeit.“ Das gehe schief. „Kleinbäuerliches verwurzelt die Menschen wieder!“ In der Verbundenheit mit der Schöpfung wachse auch die Dankbarkeit.
In ihrer Sehnsucht nach der Verbindung von Kleinbauerntum und Kontemplation fühlt sich Ulrike Stadler sehr von Büchern des Karmelitenpaters Reinhard Körner angesprochen. Zum Beispiel vom Buch „Jesus für Kleinbauern und solche, die es werden wollen“, ISBN 978-3-89680-415-0.