Die einen sprechen von der „Regierungserklärung“ des neuen Papstes. Andere verweisen auf einen „typischen“ Franziskus, der nicht als „Oberlehrer“ auftritt, sondern der seine Besorgnisse und seine Visionen mit den Gläubigen teilen will. Die Vision einer Kirche, die in der „Freude des Evangeliums“ aufbricht – zu eigenen Reformen ebenso wie zu den Armen und Bedrängten.
Die Freude des Evangeliums.“ Mit diesen Worten beginnt das Rundschreiben des Papstes, das vergangene Woche veröffentlicht wurde. Es ist ein programmatischer Einstieg, denn ohne die Freude am Evangelium im Herzen derer, die Jesus begegnen, kann sich Franziskus keinen Glauben und keine Kirche vorstellen. Diese Freude ist die Kraft, auf die er setzt, um die Kirche und die Welt zu verwandeln. Dazu, so der Papst, seien „neue Wege“ und „kreative Methoden“ notwendig, um die „ursprüngliche Frische der Frohen Botschaft neu zu erschließen und allen Menschen die Liebe Gottes zu bringen“.
Der Papst lädt zu Dialog ein
Das 184 Seiten umfassende Schreiben des Papstes greift die vorjährige Bischofssynode über die „Neuevangelisierung“ auf, es geht aber in seinem sehr persönlichen Stil und dem breiten Katalog von Themen weit über bisher gewohnte „nachsynodale Schreiben“ hinaus. Der Papst wendet sich darin an alle Gläubigen, um sie zu „einer neuen Etappe der Evangelisierung einzuladen und um Wege für den Lauf der Kirche in den kommenden Jahren aufzuzeigen“. Gleichzeitig lädt der Papst zum Dialog ein. Er macht kein Hehl daraus, dass er nicht der sei, der alles besser weiß oder auf alle Fragen eine Antwort hätte.
Eine Kirche der offenen Türen
Um Jesus aus den „langweiligen Schablonen zu befreien, in die wir ihn gepackt haben“, brauche es zwei Dinge, so der Papst: eine pastorale und missionarische Neuausrichtung und eine Reform der Strukturen der Kirche. Pastoral fordert der Papst eine „Kirche der offenen Türen“, im wörtlichen Sinn ebenso wie im übertragenen. Die Kirche dürfe die Sakramente nicht als „Belohnung für Vollkommene“ hüten, sondern sie großzügig als „Heilmittel und Nahrung für die Schwachen“ teilen. Eine Kirche, die nicht hinausgeht auf die Straßen, zu den Armen, den Suchenden und Verletzten, und die eigene Sicherheit mehr liebe als das Risiko, schmutzig zu werden, sei krank, sagt der Papst. Deutlich spricht der Papst notwendige Strukturreformen an. Dabei fragt er auch, wie sein Amt dem Evangelium entsprechender ausgestaltet sein könnte. Weiters tritt er für eine Dezentralisierung der Kirchenleitung ein. Die lokalen und regionalen Bischofskonferenzen sollten mehr und klar definierte Kompetenzen haben. Der Papst kritisiert den „Klerikalismus“ in der Kirche und betont die Notwendigkeit, die Verantwortung der Laien zu stärken. Er fordert eine wirksamere Einbindung der Frauen, vor allem dort, wo die wichtigen Entscheidungen fallen. Er hält aber auch fest, dass das Frauenpriesteramt nicht zur Diskussion stehe, auch wenn das Anlass für „besondere Konflikte“ sein könne.
Öffentlich für die Schwachen eintreten
Sehr kritisch geht der Papst mit dem herrschenden Wirtschaftssystem ins Gericht, das die Menschen nicht nur in die Armut dränge und ausschließe, sondern sie wie „Abfall auf den Müll“ werfe. Und er macht deutlich, dass das öffentliche Eintreten der Kirche für die Schwachen sowie die konkrete Nächstenliebe zum Wesenskern des Glaubens gehören.
In der Wurzel ungerechtIm Wortlaut Ein Prophet: erfrischend und unbequem Die Kirchen-Themen analysiert Prof. Roman Siebenrock aus Innsbruck ausführlich in der KirchenZeitung am 12. Dezember 2013.