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Tiefe Risse gehen durch das Land

Der Kommentar zum Sonntag
Ausgabe: 1998/39, Evangelienkommentar
24.09.1998
- P. Arno Jungreithmaier
Es gibt alarmierende Meldungen: 358 Milliardäre verdienen fast soviel wie 3 Milliarden Menschen zusammen. Allein im Westen Deutschlands gibt es 85 Milliardäre und 131.000 Millionäre. Gleichzeitig werden 2,3 Millionen Sozialhilfeempfänger und bundesweit fast eine Million Obdachlose registriert. In Österreich leben je nach Berechnungs-methode zwischen 700.000 und 1,5 Millionen Menschen an der Grenze zur Armut. Während die Spitzenlöhne steigen, kämpft die Masse gegen Reallohnverluste. Wer ein Spitzeneinkommen bezieht, verdient meist doppelt: durch den Beruf und an der Börse. Die Kirchen mahnen: „Tiefe Risse gehen durch unser Land!“ Die Angst, in Armut abzurutschen, hat viele Menschen ergriffen. Wollte Jesus mit dem vorliegenden Gleichnis vom Prasser und vom armen Lazarus sagen „die Armen werden´s einmal gut haben, sie kommen in den Himmel, während den im Luxus Lebenden die Hölle bevorsteht“? Es gibt wenig Bekehrungen, die aus Angst erfolgt sind. Jesus wollte offensichtlich alle Betroffenen zur Einsicht führen, daß Habgier schnell zur Sucht wird. Er spricht die Warnung aus, daß Reichtum die Gefahr in sich birgt, nur noch mit sich selbst beschäftigt zu sein. Das totale Um-sich-selber-Kreisen kann letztlich als Hölle bezeichnet werden. Blindheit des WohlstandsMaterielles Gut ist grundsätzlich gut, solange es nicht blind macht. Die Kernaussage ist meines Erachtens, daß Reiche in einer eigenen Welt leben und kurzsichtig geworden sind, sie lassen keine Not mehr an sich heran. Für Gottes Reich ist jedoch eine weite Sicht erforderlich. Im „Evangelium der Bauern von Solentiname“ von Ernesto Cardenal heißt es: „Das Evangelium kann auch die Befreiung der Reichen sein. Christen dürfen nicht darauf warten, daß Gott allein Veränderungen herbeiführt. Wir selbst haben die Pflicht, für die Befreiung der Reichen zu arbeiten.“ Die größer werdende Kluft drängt zu mutigem Handeln. Gerechtere Verteilung der Güter wird Verantwortliche in der Politik mehr beschäftigen müssen. Um diese voranzutreiben, ist Bewegung an der Basis bei uns in vermehrtem Maß erforderlich. Das Evangelium ist zuerst eine Anfrage an mich selbst, ob mein Blick Elend noch wahrnimmt, ob ich herabschaue auf diese bedauernswerten Geschöpfe oder ob ich mich bewegen lasse vom Schicksal eines Menschen. Notwendige VeränderungMich beschäftigt, ob es für Reiche, die in ihrem Besitzdenken gefangen sind, nur Gericht gibt oder ob sie die Frohe Botschaft erreicht? Wenn Jesus vom Feuer der Unterwelt spricht, ist es ein ernstzunehmendes Wort. Es muß aber klar gesagt sein, daß in jedem Scheitern, sogar am Ende eines völligen Irrweges, dennoch Gott das Kommando behält, nicht widergöttliche Mächte. Ich stelle mir Gott vor wie einen Schmied, der hartes Eisen zu Werkzeug formt. Es möge uns gelingen, im irdischen Leben so geformt zu werden, daß wir füreinander nützlich sind und andere auf diesem Weg mitnehmen, fruchtbare MitarbeiterInnen im Reich Gottes zu sein.
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